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Die Geburtstagsfeier im Schwarzen Drachen
von Joachim Acker

Ein kühler Wind strich durch die Straßen der kleinen Stadt,
verfing sich in den Winkeln der Gassen und ließ die welken Blätter
der Bäume einen lustigen Reigen aufführen. Er verfing sich
in dem Haufen von weggeworfenem Papier und herabgefallenen Blättern
die der Schaufler und ich in mühevoller Arbeit rings um den Marktbrunnen
zusammengefegt hatten.
Es begann zu regnen, wir suchten Schutz unter dem breiten Portal
der Stadtkirche, setzten uns auf die ausgetretenen Stufen, lehnten
die Besen in eine Ecke und zündeten unsere Pfeifen an. Schweigend
und in unsere Gedanken versunken saßen wir da und rauchten unsere
Pfeifen, sahen den Regentropfen zu wie sie mit leisem "platsch" auf
dem Pflaster aufschlugen und zerstäubten.
�Straße kehren zum Wohle der Gemeinde� , knurrte neben mir
mein alter Freund, �daß ich nicht lache, die Obrigkeit brauchte
wiedereinmal ein paar Dumme zum Marktplatz reinigen und erwischte
natürlich
uns�.
Ihr, liebe Leser, werdet euch natürlich fragen was denn wieder
Aufregendes in der Stadt geschehen war. Nun, laßt es mich der
Reihe nach erzählen.
Es ist eine liebgewordene Sitte, daß ein Mitglied des Pfeifenraucherstammtisches
zu seinem Geburtstag einen kühlen Trunk spendiert. Neulich hatte
Schnuffi diesen für uns (in doppelter Hinsicht) wichtigen Tag
und glücklicherweise dazu noch an unserem Stammtischtreffen. Alle
Freunde der Pfeife und des Tabaks waren natürlich gekommen, denn
niemand ließ sich so eine treffliche Gelegenheit entgehen.
Der Rauch aus den Pfeifen erfüllte den kleinen Raum im Obergeschoß des
Drachens mit unbeschreiblichen Düften, er hüllte uns ein,
sodaß wir, wie durch einen Nebel, nur noch schemenhaft sichtbar
waren. Jedes mal wenn Franziska, die holde Dienstmagd, mit den vollen
Mostkrügen (Birnen gemischt mit Äpfeln) die steile Treppe
empor schnaufte, bekam sie einen Hustenanfall, wedelte verzweifelt
mit ihrer Hand in den Rauchschwaden herum um den Weg zum Stammtisch
zu finden.
Wir erzählten uns alte Begebenheiten aus längst vergangenen
Tagen die mit schallenden Gelächter kommentiert wurden, kurzum:
es war eine großartige Geburtstagsfeier.
Je weiter die Zeit voranschritt desto lustiger und fröhlicher
wurden wir. Wohl etwas zu fröhlich und vielleicht auch eine Idee
zu laut denn Paulchen kam gegen später hoch und bat um mehr Mäßigung,
eine Reisegruppe aus dem fernen Japan, die sich unten in der Gastsube
zu später Stunde eingefunden hätte, würde den Lärm
reklamieren.
Da wir freundliche und zu Fremden überaus höfliche Menschen
waren (Pfeifenraucher sind immer freundlich und höflich) bemühten
wir uns in der Folgezeit etwas leiser zu sein.
Das ganze Verhängnis begann, so erinnerte ich mich, als Eugen
vom Hof zurück kam und auf der obersten Treppenstufe das Übergewicht
bekam und dieselbe rückwärts hinunter rutschte geradewegs
auf Franziska die mit vollem Tablett nach oben wollte. Zusammen und
ineinander verschlungen landeten beide in der Gaststube.
Wir rannten natürlich alle sofort die Treppe runter um dies Schauspiel
gebührend zu feiern und zu würdigen. Das war vielleicht ein
Spaß kann ich euch sagen, liebe Leser. Und wie es den Anschein
hatte, hatte auch Eugen seinen Gefallen daran, denn er machte keine
Anstalten sich zu erheben.
In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür und Emma,
die angetraute Herzallerliebste von unserem Eugen betrat die Gaststube
des Drachens, sah ihren Liebsten auf Franziska liegend herumzappeln,
dachte sich dabei wohl ihren Teil, holte mit ihrem Regenschirm aus
und beförderte ihren geliebten Gemahl duch einen kühnen Schwung
kurzerhand ins Reich der Träume. Dann holte sie zum zweiten Mal
aus, diesmal war wohl Franziska das Ziel. Offenbar wollte die Gute
reinen Tisch machen.
Nun, Emma verstand ihr Handwerk, war sie doch nicht umsonst die Beste
im örtlichen Damengolfclub. Naja, Golfclub ist vielleicht etwas übertrieben
und erweckt falsche Vorstellungen, in Wahrheit handelte es sich um
eine Minigolfanlage, in der die Damen einen großen Teil ihrer
Zeit verbrachten. Aber was soll solche Wortklauberei, Golf ist Golf.
Emma holte also im perfekten Schwung weit aus aber bevor der Schirm
heruntersauste war Otto mit einem wahren Tigersatz bei ihr und hielt
ihre Hand fest. Bei dieser überaus kühnen Aktion (um gegen
Emma anzutreten muß ein Mensch einfach kühn sein) flog ihm
allerdings ein gefüllter Mostkrug aus der Hand und traf unglücklicherweise
einen der ausländischen Gäste am Kopf.
Offenbar vertrugen diese Fremden keinen ordentlichen Bums am Kopf,
denn der Gute ging mit einem leisen Seufzer zu Boden, zappelte kurz
und heftig mit den Beinen und lag dann ganz still. Ein Raunen ging
durch die entsetzt zuschauenden Gäste aus dem Land der aufgehenden
Sonne, sie schauten sich an, nickten mit den Köpfen, riefen laut
etwas Unverständliches und kamen drohend auf uns zu. Offenbar
verstanden sie alles falsch und wollten sich nun an uns für den
ko gegangenen Freund rächen.
Bevor sie uns erreichten wieselten wir im eiligen Rückzug die
Treppe hoch, die Japaner allerdings hinter uns her. Und nun begann
das Geschehen welches in der Chronik des Pfeifenraucherstammtisches
als >Kampf an der Treppe< der Nachwelt überliefert wurde.
Wir vom Pfeifenraucherstammtisch verteidigten mutig und furchtlos
die Treppe, die fremden Gäste versuchten dagegen mit allen Mitteln
die ihnen zur Verfügung standen, das Obergeschoß zu stürmen.
Gegen die Treffsicherheit, mit der wir mit den Mostgläsern und
Krügen umgingen, hatten sie allerdings keine Chance, sie kamen
nicht nach oben.
Durch all den Lärm hörte ich, wie Paulchen immer wieder
rief: �Aufhören,
sofort aufhören, ihr macht ja alles kaputt�. Offenbar hörte
niemand auf sein verzweifeltes Flehen denn der Tumult ging unverändert
weiter.
Mit Tischplatten sich gegenseitig Deckung gebend, gelang es schließlich
den Japanern die Treppe Stufe für Stufe zu erobern. All unsere
erbitterte Gegenwehr, zuletzt sogar mit den Blumentöpfen, erwies
sich als fruchtlos, Schritt für Schritt wurden wir zurück
gedrängt.
Für einen ganz kurzen Augenblick kam mir das Schicksal der Nibelungen
in den Sinn. Vor mir sah ich für einen Moment den grimmigen Hagen
und Volker, den Spielmann stehen, wie sie die Treppe zum Saal gegen
die Mannen Etzels verteidigten.
Dann wurde es mir schwarz vor den Augen, ich ging als Folge eines
Volltreffers mit einem Stuhlbein zu Boden, konnte mich aber ziemlich
benommen wieder aufrappeln und in das Geschehen tatkräftig eingreifen.
Wir waren nahe an der Niederlage als Schnuffi den letzten vollen Mostkrug
mit zaghaftem Lächeln einem der Angreifer entgegen hielt. Der
senkte verblüfft das zum Schlag erhobene Stuhlbein, griff den
Krug und nahm daraus einen kräftigen Schluck, wischte sich den
Mund ab und gab das Gefäß mit verzücktem nahezu überirdischen
Lächeln an seine Kameraden weiter.
Es hatte den Anschein als würde das Darbieten des Kruges als
unsere Kapitulation gedeutet, denn die Fremden stellten den Kampf ein
und riefen uns einige freundlich klingende Worte zu. Der Kampf war
vorbei.
Inzwischen war auch der Ordnungshüter eingetroffen und schrieb übereifrig
wie immer, mit großen Gesten von der Wichtigkeit seiner Person
zutiefst überzeugt, die Namen aller an dem Geschehen Beteiligten
auf.
Dann begann der zweite Teil des Abends und der war wesendlich freundlicher
und friedvoller als der vorangegangene. Wir räumten ein paar Trümmer
zur Seite, kehrten die Scherben der Krüge und Gläser zusammen
und saßen dann Seite an Seite um die Tische im oberen Stock und
leerten noch manchen Krug gemeinsam. Mit anderen Worten etwas weniger
subtil formuliert: Es wurde ein großes Verbrüderungsbesäufnis
bei dem die Japaner, des Mostgenusses total ungewohnt, wenig Stehvermögen
zeigten. Es nahte schon der neue Tag als wir sie auf einem Leiterwagen
verpackten und in ihr Hotel fuhren.
Bei den Japanern ließ der Richter am nächsten Tag Gnade
walten, der Pfeifenraucherstammtisch wurde aber wieder �zur gemeinnützigen
Arbeit zum Segen und Wohle der Stadt� verurteilt, so formulierte es
der Richter süffisant lächelnd in seiner Urteilsbegründung.
Der Regen hatte nachgelassen und der Schaufler und ich begannen wieder
den Besen zu schwingen auf dass unsere Stadt einen sauberen Marktplatz
bekäme.
Niemand von uns weiß was unsere neugewonnenen Freunde in ihrer
fernen Heimat über die dramatischen Ereignisse im >Schwarzen
Drachen< berichteten. Auffallend war aber, dass in den nächsten
Monaten immer häufiger Gäste aus Japan in unsere Stadt kamen,
sich zu später Stunde gemütlich im Drachen niederließen
und erwartungsvoll zur Treppe schauten, die, das muß ich noch
extra betonen, ein beliebtes Fotomotiv wurde.

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