Im Kinmel Arms Pub

von Joachim Acker

Für walisische Kochkünste war das Abendessen, dass ich damals zu mir nahm, recht schmackhaft. Nun, Fish and Chips garniert mit einem Salatblatt und getränkt mit einer undefinierbaren Soße, erforderten allerdings auch nicht kochmeisterliche Künste.

Nach dem Essen spazierte ich noch einige Schritte am Meer entlang, setzte mich auf einen Felsen an den Klippen, rauchte meine Pfeife und schaute hinaus auf die See. Ein kräftiger Nordost ließ kleine Schaumkronen auf den Wellenkämmen entstehen, Möwen segelten mit schrillen Rufen durch den Abendhimmel.

Mich fröstelte in dem durchdringenden Wind und ich ging zurück in den Ort, am kleinen Hafen vorbei und kehrte im Kinmel Arms ein, dem einzigen Pub in diesem Fischerdorf an der Ostküste von Anglesey.


Mitte rechts: Kinmel Arms, Moelfre/Anglesey


An der Theke fand ich einen Platz, bestellte ein großes Glas Guinness, stopfte meine Pfeife und zündete sie an.

Als sich die ersten hocharomatischen Rauchwolken in der Gaststube verteilten, sah ich, dass auf der anderen Seite des Ausschanks ein uralter grauhaariger Herr schnüffelnd die Nase hochzog und mit einem seltsamen, beinahe furchtsamen Blick zu mir herüber schaute. Er griff sein Glas und kam zu mir herüber, setzte sich nach einem freundlichen Hallo neben mich, sah mich an und teilte mir mit, dass er den Geruch meines Tabaks vor unendlich vielen Jahren schon einmal gerochen hat, ob er mir die Geschichte erzählen dürfte.

Wir setzten uns an einen leeren Tisch, ich zündete meine ausgegangene Pfeife erneut an, der Alte griff in die Jackentasche und holte eine zerknautschte Zigarre hervor. Er biß das eine Ende knackend ab, setzte sie in Brand, trank noch einen Schluck aus seinem Glas und begann dann zu erzählen.

Die Erzählung des Alten

Früher war ich bei der Royal Navy und diente als zweiter Steuermann auf der HMS Rodney. Wir kamen von einem Einsatz im Atlantik und befanden uns in schwerer See auf dem Rückmarsch nach Scapa Flow als wir querab von den Hebriden in eine plötzlich aus dem Meer aufsteigende Nebelbank gerieten, im nu war die Sicht gleich Null. Zu allem Unglück fiel in diesem Moment auch noch das Radar aus, höchste Aufmerksamkeit war nun geboten, denn ohne ausreichende Sicht konnte es sehr gefährlich werden. Der Captain befahl mir den befohlenen Kurs peinlichst genau zu halten, gab einem Offizier die Anweisung, die Fahrt zu drosseln und spähte dann mit seinem Fernglas zum Fenster hinaus.

Plötzlich drehte er sich um und schrie zu mir herüber: „Ruder hart Steuerbord“. Diesem Befehl kam ich natürlich sofort nach und ließ das Steuerrad wirbeln. Beim Hinausschauen zum Brückenfenster glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen: Der Nebel hat sich etwas gelichtet und ein bläulich schimmerndes Segelschiff kam genau auf uns zu. Es war eine Viermastbark, deren zerfetzte Segel im Wind flatterten, der Fockmast war an der Vormarssaling abgebrochen, der Rest des Mastes hing in einem wilden Durcheinander steuerbordsseitig in die raue See.

Die befohlene Kursänderung kam zu spät, das unbekannte Schiff fuhr in Höhe des ersten Geschützturmes in uns hinein und durch uns hindurch so als ob wir aus Luft bestünden, drehte dann und kam längsseits zu liegen.

Starr vor Schreck, mit Haaren, die sich voller Angst und Panik sträubten, schauten wir hinaus auf das Schiff, das eigentlich ein gerade noch schwimmendes Wrack war.

Der Alte hielt in seiner Erzählung inne, trank aus seinem Glas, ich zündete meine ausgegangene Pfeife von neuem an.

An Deck des Seglers wurden Gestalten sichtbar, schemenhaft herumhuschende und unverständliche Sätze rufende, gespenstergleiche, unwirkliche Erscheinungen, in zerrissene Lumpen gehüllt fuchtelten sie wild lärmend mit den Armen. War es drohend, war es bettelnd?

Ich vermochte es nicht zu sagen, denn der Schreck und die Angst lähmten beinahe meine Sinne, aber nicht nur mir: Auch der Captain, der sonst ein Musterbeispiel an Ruhe und Gelassenheit war, zeigte deutliche Zeichen von Fassungslosigkeit.

Plötzlich kehrte drüben Ruhe ein, eine Gasse bildete sich und eine große Gestalt trat an die Reling. Sie war in einen zerfledderten Umhang gehüllt und trug einen altmodischen Dreispitz auf dem Kopf, durch die Löcher des Umhanges schimmerten bleich die Knochen. Ohne Zweifel handelte es sich um ein Skelett das offensichtlich auch der Kapitän dieses Schiffes war.

Mit einem gewaltigen Satz sprang das Wesen an Bord unseres Schiffes und stand nach einem Wimpernschlag bei uns auf der Brücke. Einen grässlicher Anblick bot die Gestalt, ich kann's beinahe nicht beschreiben, der durch die Tabakpfeife im Munde des Fremden noch vertieft wurde. Ja, du hast dich nicht verhört, dies Gespenst rauchte tatsächlich Pfeife, eine altertümliche, kurze, schwarzverbrannte Tonpfeife, an der er heftig saugte. Mit immer größer werdenden Entsetzen sahen wir, dass der Tabakrauch durch seine Rippen hindurch heraustrat. Nacktes, pures Grauen befiel uns, dass wir nicht in heller Panik flohen lag nur an der in der Royal Navy herrschenden eisernen Disziplin, die selbst in so einer Situation keine Nachlässigkeit duldete.

Dann öffnete er den Mund und forderte vom Captain mit dröhnender Stimme Tabak und Rum für sich und seine Mannschaft. Auf die Frage, wer er sei und wie das Schiff hieße, gab der Fremde keine Antwort, er sagte nur, dass er und seine Mannschaft wegen schrecklicher Sünden dazu verdammt seien für immer und ewig durch die Weltmeere zu kreuzen, ohne Aussicht auf Gnade und Erlösung.

Wie es weiterging vermag ich nicht zu sagen, denn es wurde mir Schwarz vor den Augen und ich fiel in eine gnädige Ohnmacht aus der ich erst im Lazarett in Kirkwall wieder erwachte. Auf meine Frage, was mit mir geschehen sei, antwortete der Arzt, dass ich mit hohem Fieber, hervorgerufen durch eine sehr schwere, lebensbedrohende Lungenentzündung, eingeliefert worden sei.

War's nun der Fieberwahn der mich dies erleben ließ, war's die Wirklichkeit? Ich vermag es nicht zu sagen. Aber als ich vorhin den Geruch deines Tabaks in die Nase bekam, erinnerte ich mich daran. Ich könnte selbst nach sovielen Jahren schwören, dass es der gleiche Tabak war, den der schreckliche Fremde auf dem Geisterschiff rauchte.

Hier endet die Geschichte des Alten den ich an der Theke des Kinmel Arms traf. Er bat mich dann noch mit verschmitzten Augen um ein Glas Guinness, das wäre seine Erinnerung doch wohl wert. Oder etwa nicht?

Am nächsten Abend fragte ich den Wirt, wer denn der Gentleman gewesen sei, mit dem ich gestern am Tisch saß. Er schaute mich höchst verwundert an und sagte dann, dass ich allein saß und niemand bei mir war. Kopfschüttelnd trabte er davon um sich seinen anderen Gästen zu widmen.

Bildnachweis. http://www.tuohey1.freeserve.co.uk/pictures/uk/moelfre/index.htm