Gebrauchte Pfeifen

Willi Albrecht

Eine wunderschöne Ilsted H2 liegt vor mir auf dem Tisch bei meinem Pfeifenhändler. Sie wurde geraucht von jemandem, den ich nicht kenne und auch wahrscheinlich nie kennenlernen werde. Gut geflegt hat er sie, das sieht man ihr an. Das Mundstück zeigt kaum Bißspuren, der cake geht bis zum Boden und äußerliche Makel hat sie auch keine. Ein Drittel vom Neupreis soll sie kosten und sie prahlt mit ihrem Straigt Grain als ob es kein Morgen mehr geben würde.

Ich lasse sie durch meine Hände gleiten, fühle ihren seidigen Glanz und kann die Wärme erahnen, die sie beim Rauchen ausstrahlen wird.

Wer war dieser Jemand, der sie vormals bessesen hat? Hat er sie wirklich ordentlich behandelt und ihr nur den besten Tabak gegeben? Hat er sie nur aus einer Laune heraus gekauft, war sie nur eine unter vielen? Fragen, die nie vollständig beantwortet werden können. Ich rieche an ihrem Holz und bin erfreut, kein unangenehmer Duft ist zu bemerken, sie muß mit einem guten Virginia verwöhnt worden sein.

200 Euro und sie wäre mir. Für so viel Geld kann ich mir auch eine wirklich gute neue Pfeife aus den Schränken meines Händlers aussuchen. Aber eben keine solch blaublütige. Nach langen Überlegungen und mehreren Tassen Kaffee entschließe ich mich zum Kauf einer gebrauchten Pfeife.

Argumente wie "ein Besteck im Restaurant ist auch nicht neu" fallen mir auf dem Nachhauseweg ein und beruhigen mein Gewissen. Ich trage eine Pfeife heim, die schon jemand anderer geraucht hat und aus mir unbekannten Gründen nicht mehr haben wollte.

Mein Händler bot sich an, sie für mich rauchfertig zu machen, aber dieses gut gemeinte Angebot lehne ich ab, das muß ich schon selber machen.

Zuhause angekommen geht's gleich in meine kleine Kellerwerkstatt, in der sich im Laufe der Zeit die wichtigsten Utensilien und Werkzeuge für eine Pfeifenaufarbeitung angesammelt haben.

Zuerst nehme ich mir den Kopf vor und entferne mit einem Senior-Reamer und einem scharfen Taschenmesser den cake bis auf ein normales Maß von ungefähr 1 - 2 mm. Danach wird der Holm ordentlich mit 70%igem Alkohol und einer Menge Reinigern von allem befreit, was nicht hineingehört. Erfreulicherweise ist sie in einem gut gesäuberten Zustand abgegeben worden, sodas diese Arbeit schnell erledigt ist.

Nun geht's an das Ebonit-Mundstück. In einer Schüssel habe ich mir Wasser bereit gestellt, nehme mir ein Stück Naßschleifpapier mit 800er Körnung, tauche Papier und Mundstück ins Wasser und schleife solange bis die Bißspuren und der braune Belag verschwunden sind. Wenn das ablaufende Wasser klar bleibt, kann ich sicher sein, das ich am Ende ein schwarzglänzendes Mundstück in den Händen halten werde.

Doch jetzt folgt erst noch einmal der gleiche Vorgang, allerdings mit 1200er Schleifpapier, das ich mir im Autozubehörhandel besorgt habe. Wenn das Wasser vom Mundstück abperlt wie der Regen bei einem frisch gewachsten Wagen, ist auch dieser Schritt beendet.

Nach dem Trocknen des Mundstücks reibe ich es großzügig mit einer Reinigungspaste ein, die mein Pfeifenhändler in kleinen runden Döschen anbietet, lasse diese etwas einziehen und reibe sie dann mit einem weichen Lappen wieder ab.

Auf eine, im Schraubstock eingespannte Bohrmaschine montiere ich eine Polierscheibe, lasse die Maschine mit mittlerer Drehzahl laufen, halte einen Block Vorpolierwachs an die Scheibe bis sie das Wachs gut aufgenommen hat und gebe dem Mundstück eine erste Politur. Die tiefe Schwärzung kommt jetzt schon wieder zum Vorschein, aber es fehlt noch der ursprüngliche Glanz. Für diesen letzten Arbeitsgang spanne ich eine sehr weiche, große Polierscheibe in die Bohrmaschine, lasse sie noch langsamer laufen und gebe Carnauba-Wachs aus der Apotheke auf die Scheibe. Ich setze die Pfeife zusammen und poliere sie komplett bis sie wieder aussieht, als wäre sie gerade erst unter den Händen des Pfeifenmachers entstanden.

Nach insgesamt ca. 20 Minuten halte ich ein Prachtstück von einer Pfeife in den Händen. Sterilisiert, poliert und von allen Gebrauchsspuren befreit. Die Arbeit hat sich gelohnt und es hat Spaß gemacht zu sehen, wie sie von Minute zu Minute schöner und ansehlicher wurde. Der Vorbesitzer wäre stolz auf mich. Doch jetzt gehört sie mir und wird gleich mit einem köstlichen Tabak gefüllt um ihre Raucheigenschaften zu prüfen.