Ästhetik im Pfeifenbau

Fragen, Kommentare zu Pfeifenmachern und -herstellern

Ästhetik im Pfeifenbau

Beitragvon slaintje71 » 03.12.2017 12:23

Hallo Forum

In Anlehnung an die doch eher emotional geführte Debatte im Thema "Witschi-pipes" auf diesem Forum möchte ich gerne folgende Ausweitung vornehmen:

Letztlich streiten ich und meine Diskussionswidersacher um die folgenden Fragen:

1. Gibt es in Bezug auf handwerklich einwandfrei gearbeitete Pfeifen mit tadellosen Raucheigenschaften objektiv bewertbare Qualitätskriterien auf ästhetischer Ebene?
2. Können diese ästhetischen Kriterien in Standards gefasst werden, die erfüllt sein müssen, damit eine Pfeife als qualitativ hochwertig und der Pfeifenbauer dadurch als hinreichend guter Pfeifenbauer betrachtet werden kann?

Wenn diese Fragen tend. mit "nein" beantwortet werden, verbietet es sich, Pfeifen und derer Hersteller zu bewerten. Die m. E. einzige legitime Rückmeldung ist, neutral festzustellen, dass einem diese Pfeife(n) nicht gefallen - ohne damit die Qualität derselben oder des Machers zu bestreiten. Dies ist letztlich meine persönliche Auffassung.

Es sind hier im Forum ja auch einige (teil)professionelle Pfeifenbauer aktiv. Mich würde euer Blickpunkt auf diese Frage sehr interessieren. Konkret:

1. Versteht man den Pfeifenbau auch als Kunsthandwerk und eine Pfeife auch als handwerkliches Kunstwerk: Gibt es, was die Ästhetik (Linienführung usw.) betrifft, Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, wenn das Produkt als qualitativ hinreichend gelten soll?
2. Darf Kunst nicht Grenzen ausloten und ist dann trotzdem gute Kunst? Ist es nicht vielmehr gerade die Aufgabe der Kunst, innovativ zu sein und herkömmliche Standards eben zu überwinden? Und dies auch im Pfeifenbau? MUSS eine Pfeife gefallen, damit man von guter Qualität sprechen darf?
3. Was sagen hierzu ein Franz Axmacher, der ebenfalls innovative Shapes produziert? Oder ein Volker Hahn, der ebenfalls wunderschöne Pfeifen (aus meiner Sicht) produziert, mit seinen neuen Formen aber näher an den Standards bleibt (meines Erachtens)?

Bin gespannt!

Liebe Grüsse
Thomas
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Franz Kafka
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Re: Ästhetik im Pfeifenbau

Beitragvon FAx » 03.12.2017 16:09

Hi Andreas, P&T,

slaintje71 hat geschrieben:Hallo Forum

In Anlehnung an die doch eher emotional geführte Debatte im Thema "Witschi-pipes" auf diesem Forum möchte ich gerne folgende Ausweitung vornehmen:

Letztlich streiten ich und meine Diskussionswidersacher um die folgenden Fragen:

1. Gibt es in Bezug auf handwerklich einwandfrei gearbeitete Pfeifen mit tadellosen Raucheigenschaften objektiv bewertbare Qualitätskriterien auf ästhetischer Ebene?
2. Können diese ästhetischen Kriterien in Standards gefasst werden, die erfüllt sein müssen, damit eine Pfeife als qualitativ hochwertig und der Pfeifenbauer dadurch als hinreichend guter Pfeifenbauer betrachtet werden kann?


Das stimmt so nicht. Da gab es keinen Streit, sondern bislang nur Aussage gegen Aussage.

Zu Deiner ersten Frage: Ja, natürlich gibt es solche Kriterien ! Vor jeder weiteren Diskussion würde ich es gut finden, wenn wir uns darüber einigen könnten, was wir unter einer "handwerklich einwandfrei gearbeiteten" Pfeife verstehen? Falls das für Dich mit den "tadellosen Raucheigenschaften" bereits erfüllt sein sollte: eine Pfeife mit tadellosen Raucheigenschaften kann buchstäblich jeder herstellen, der 2 gesunde Hände hat. Man kaufe einen Hobbyblock, sauber gebohrt und von hinreichend guter Holzqualität, bringe eine geeignete Einrauchpaste ein, und fertig. So einfach ist es, mit dem Einsatz von 15,00 Euro und 10 Minuten Arbeit eine tadellos funktionierende Pfeife herzustellen. Wenn wir das etwas ungeschlachte Äußere dann noch als Minimalismus verbrämen, können wir das Stück sogar als Kunst verkaufen.

Wenn Deine Einteilung in "handwerlich einwandfrei" und (ungenannt, aber dann zwingend mitgedacht) "handwerlich nicht einwandfrei" gearbeitete Pfeifen über das Kriterium der reinen Benutzbarkeit (tadellos rauchbar usw...) hinausgeht, beantwortest Du ja quasi den zweiten Teil der Frage schon selbst. Deine Einteilung in "handwerklich einwandfrei" und damit auch "handwerlich nicht einwandfrei", jenseits der Frage nach der Rauchbarkeit, setzt ja doch zwingend voraus, dass es sicht- und bewertbare Kriterien geben muss, nach denen die Qualität einer Pfeife bemessen werden kann. Warum sollte also für einen geübten Betrachter nicht ein einziges Photo ausreichen, um eben diese Qualität einer Pfeife recht genau zu beurteilen?
Sehe ich, als simples Beispiel, auf einer Fläche, die offenkundig glatt und ebenmäßig sein soll, nicht nur Spuren groben Schleifpapiers, sondern gar noch die Spuren der Raspel, dann ist das natürlich kritikwürdig! Wenn dann jemand kommt und sagt: Was soll's, mir gefällt das aber!, dann ist genau das ein echter Diskussionskiller. Auf dieser Ebene, wo es um die profane und in diesem Zusammenhang vollkommen uninteressante Frage nach Gefallen und Nichtgefallen geht, kann man keine Pfeife diskutieren. Die Qualität einer Oberfläche ist ein klares, objektiv bewertbares Kriterium.

Ein zweites von unzähligen weiteren Beispielen: fast jede Pfeife setzt sich aus mindestens 2 Grundkörpern zusammen: Kopf und Holm. An einer bestimmten Stelle treffen diese 2 Körper aufeinander und durchdringen sich. Es entsteht ein Übergangsbereich, der umso zwingender eine bestimmte Form aufweist, je präziser die Formen von Kopf und Holm ausgearbeitet wurden. Die Qualität, mit der dieser Übergang gelungen ist, kann selbstverständlich nach objektiven Kriterien bewertet werden.

slaintje71 hat geschrieben:Wenn diese Fragen tend. mit "nein" beantwortet werden, verbietet es sich, Pfeifen und derer Hersteller zu bewerten. Die m. E. einzige legitime Rückmeldung ist, neutral festzustellen, dass einem diese Pfeife(n) nicht gefallen - ohne damit die Qualität derselben oder des Machers zu bestreiten. Dies ist letztlich meine persönliche Auffassung.


Bei der Beantwortung dieser Fragen braucht es keine Tendenz. Sie können eindeutig mit Ja beantwortet werden.
Die Legitimität einer Rückmeldung am Gefallen / Nichtgefallen festzumachen, ist gleichbedeutend mit dem vorauseilenden Abwürgen jeder fruchtbaren Diskussion. Es ist tatsächlich so: ob eine Pfeife gefällt oder nicht gefällt ist eine der belanglosesten Fragen im Hinblick auf deren Qualität. Du wirst zu jeder denkbaren Pfeife, wenn Du nur lange genug suchst, denjenigen finden der sagt: Gefällt mir! Wenn Pfeifenmacher das zum Anlaß nehmen würden, sich am Ziel ihres Schaffens zu wähnen, hätte es seit dem Aufkommen der gestalteten Tabakspfeifen nicht die geringste Entwicklung gegeben. Entwicklung gibt es dort, wo diejenigen, die ein Produkt herstellen, sich die Mühe machen, Standards festzulegen, an denen die Qualität einzelner Stücke gemessen werden kann. Dem kann man sich natürlich als Einzelner entziehen - niemand zwingt jemanden, irgendwelche Standards anzuerkennen. Aber es gibt sie halt, und sie bilden das Koordinatensystem, in dem die (objektive) Bewertung stattfindet.
Zu Ruppigkeiten , vermeintlichen Unfreundlichkeiten und Empfindlichkeiten in diesem Zusammenhang gebe ich zu bedenken: in der Regel geht es auch bei hitzigen Diskussionen um Pfeifen, nicht um deren Hersteller.

slaintje71 hat geschrieben:1. Versteht man den Pfeifenbau auch als Kunsthandwerk und eine Pfeife auch als handwerkliches Kunstwerk: Gibt es, was die Ästhetik (Linienführung usw.) betrifft, Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, wenn das Produkt als qualitativ hinreichend gelten soll?
2. Darf Kunst nicht Grenzen ausloten und ist dann trotzdem gute Kunst? Ist es nicht vielmehr gerade die Aufgabe der Kunst, innovativ zu sein und herkömmliche Standards eben zu überwinden? Und dies auch im Pfeifenbau? MUSS eine Pfeife gefallen, damit man von guter Qualität sprechen darf?


Ganz ehrlich, geh mir weg mit Kunst, wenn es um Pfeifen geht. Die besten Pfeifenmacher der Welt sind nicht, was sie sind, weil sie etwa Künstler wären, sondern weil sie erlesen gute Gestalter und Handwerker sind. Punktum, von Kunst keine Spur!! Wer Kunst machen will, soll das tun. Wer Pfeifen baut, ist Pfeifenmacher. Das Motto: je bunter, desto Kunst.... ist Blödsinn. Eine Pfeife wird doch nicht zum Kunstwerk, weil ich ein paar kesse Schnörkelchen dranschleife, alles bunt beize und ein jeckes gemustertes Mundstück dranstecke. Auch nicht, weil ich was mache, was es "so nur einmal gibt". Das ist totaler Unsinn, und wer sich als Pfeifenmacher drauf einläßt, das zu glauben, der macht es sich selber schwerer als nötig (oder leichter als erlaubt, je nachdem...). Wir haben genug damit zu tun, dass ein Oval oval wird, dass ein gerader Holm wirklich gerade ist, dass ein runder Kopf wirklich rund ist, dass eine gewölbte Fläche nicht nur sauber aussieht, sondern sich auch sauber anfühlt, dass ein Bogen ein Bogen ist, ohne störende Knicke, dass eine Pfeife harmonisch ist, wenn sie es sein soll, und dass Disharmonien mindestens erklärbar, im besten Falle selbsterklärend sind usw... alles Gestaltung, Fleiß und Handwerk, nicht die Bohne Kunst dabei...und selbst das, was Du als "Ausloten" anführst, fällt bei normalen, rauchbaren Pfeifen immernoch in den Bereich von gestaltendem Handwerk... Ich habe manchmal das Gefühl, dass ein Pfeifenmacher, der sich als Künstler sieht, dort angekommen ist, wo er mal besser gar nicht hätte hinwollen sollen...

Soviel zum adventlichen Einstieg in dieses immer wieder spannende Thema!

LG, Frank
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Re: Ästhetik im Pfeifenbau

Beitragvon Maigret » 03.12.2017 17:09

Hallo zusammen,
eigentlich wollte ich dazu auch was schreiben, aber dann kam Frank und alles ist gesagt.
Aber Thomas, auf Deine Frage nach Standards, möchte ich beispielhaft ein paar Schlagworte einfließen lassen:
Verschachtelung, Umschlag, Symmetrie, Haptik.
Es handelt sich dabei um objektive und messbare (manchmal auch mit bloßen Augen sichtbare) Grundpfeiler im Pfeifenbau. Und ja, es gibt Punkte, die durchaus als Kenngrößen heranziehbar sind, ob eine Pfeife gut oder schlecht ist, unabhängig von ihrer Raucheigenschaft.
In einem Punkt möchte ich Frank widersprechen, denn es gibt sie schon, die Pfeifenkünstler, die skulpturell an das herangehen, was man hinterher als schnöden Gebrauchsgegenstand im Mund herumträgt.
Aber das sagt auch gar nichts darüber aus, welche grundlegenden Fertigkeiten ein guten Pfeifenbauer haben muss, auf Neudeutsch nennt man das wohl Basics. Nicht die Skulptur ist m.E. nach die Königsdisziplin, sondern die perfekte, symmetrische und proportionale Billiard, nicht an der Kopierfräse abgeformt, sondern mit der Hand und einem guten Auge ausgearbeitet. Dazu eine Beizung passend zur Struktur und eine Oberflächenbehandlung, bei der ein Spiegel ohne Probleme hinzubekommen ist. Dazu braucht man Übung, Übung und nochmals Übung. Darüber hinaus Disziplin und die Bereitschaft, sich weiter zu entwickeln, sich nie mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Das Auge kann lernen, Dinge zu sehen und zu bewerten, im Abgleich mit Bekanntem und Wünschenswertem.
Über Formen läßt sich zwar immer streiten, keine Frage, aber das o.g. gilt auch für Muckelknösel.

Gruß Jens
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Re: Ästhetik im Pfeifenbau

Beitragvon Ch. Demian » 03.12.2017 22:51

Hej Leute,

diese Diskussion hatten wir schon x mal hier. Jedes mal mit demselben Aufhänger. Ich versuche es - wiewohl Frank und Jens schon praktisch alles gesagt haben - auf eine
alternative Weise zu plausibilisieren. Und zwar in Anlehnung an Peters Vergleich (im Ursprungs-Thread) zu normalem Fertigungsstandard von Serienpfeifen. Im folgenden
Bild findet sich von oben nach unten folgendes:

1. Solider Fertigungsstandard der 70er (sowas wie 'ne Stanwell?)
2. Designerisch Ambitionierter Freehand-Nachbau (nach dem italienischen Freehander Lamborghini - denke ich) mit klaren Fertigungsmängeln
3. Minimaler Usability-Standard - verbrennt Tabak und das nicht schlechter als anderes (Franks Kantel-Beispiel)

Alle drei bringen einen von A nach B = Funktion erfüllt.

Dennoch scheint es unterschiede zu geben; Im Bereich der Pfeifen, scheinen wir alle nicht so viel Erfahrung zu haben, damit es uns so augenfällig wird, wie hier. Aber im
Prinzip funkioniert es ganz analog.

Viele Grüße & viel Spaß

CD

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Re: Ästhetik im Pfeifenbau

Beitragvon Pipendoge » 04.12.2017 10:19

Lieber Forianer,

die Bilder von Chris bieten wirklich exzellenten Anschauungsunterrricht zu dem, was Frank sehr ausführlich und gut begründet geschrieben hat. Das zuletzt gezeigte Fahrzeug ist geradezu prototypisch für die Pfeifen, die diesmal Anlass für die Diskussion gaben. Immer wieder, wenn solche Diskussionen auftreten -und es ist ja beileibe nicht die erste dieser Art- bewahrheitet sich die Feststellung, die mal vor knapp 17 Jahren auf DAFT getroffen wurde: Es gibt PfeifenRAUCHER und PFEIFENraucher, wobei die jeweiligen Standpunkte in der Regel nicht kongruent sind und auch durch noch so mühevolle und engagierte Diskussionen nicht anzugleichen sind. Bezüglich Tabak kann das schon ganz anders aussehen, aber bezüglich Pfeifen wohl eher nicht.

Beste Grüße

Jörg
"Each artisan pipe is its creator´s auto-portrait in briar"
(Sergey Aylarov, Pipes & Tobaccos, 2009; 14/3; p. 44)
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Re: Ästhetik im Pfeifenbau

Beitragvon ftoll » 04.12.2017 16:44

Hallo zusammen

Pipendoge hat geschrieben: Es gibt PfeifenRAUCHER und PFEIFENraucher,


Zum Thema Pfeifenbau, habe ich gesehen, dass es Leute gibt, die noch einen deutlich höheren Qualitätsanspruch haben, als ich bisher gedacht habe, dann ist ja noch Luft nach oben.
Das ist eigentlich das Einzige, was ich daraus gelernt habe und dafür möchte ich mich bedanken.
In dem Sinne...

Gruess aus Bern
Ändu

p.s. wobei Fahrzeug 2+3 einen deutlich höheren Fahrspass versprechen!
Du kannst vor dem davonlaufen, was hinter dir her ist, aber was in dir ist, das holt dich ein.
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