Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

vom Pfeifenreiniger bis zur Poliermaschine

Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon Pipendoge » 09.03.2017 14:48

Liebe Forianer,

ich beziehe mich hier auf ein kritisches Statement von Peter Hemmer in dem Castello-Thread von Hannes. Ich habe lange darüber nachgedacht, auch schon zuvor, was man mit einer alten, vielleicht auch etwas ramponierten Pfeife machen darf und was nicht. Natürlich kann jeder tun, was er will und so will ich die Frage auch nicht strafjuristisch verstanden wissen sondern eher in der Richtung, wie es Peter wohl auch meinte - nämlich ob ein Eingiff zur Wiederherstellung der Rauchbarkeit auch Veränderungen in den markentypischen Charakteristika beinhalten darf, oder ob man das aus Respekt vor eben diesen Charakteristika besser lassen sollte.


Auf meiner Seite habe ich dazu geschrieben: "Mein Ziel des Aufarbeitens ist es, die Pfeife in einen hygienisch einwandfreien Zustand zu versetzen und darüber hinaus rein äußerlich einen Zustand so nahe wie möglich am guten Original-Zustand zu erreichen. Unter Aufarbeiten verstehe ich nicht, eine Pfeife bis zur Unkenntlichkeit des Originalzustandes abzuschmirgeln und nach Belieben neu zu beizen - was nicht heißen soll, dass man so etwas nicht tun darf - nur sollte man dann nicht von "Aufarbeiten" sprechen sondern besser vom "Umarbeiten". Auch finde ich, dass man einer alten Pfeife getrost ansehen darf, dass es sich um ein älteres Stück handelt."

Soweit, so gut, aber was tun, wenn das irgendwie nicht mehr oder nicht mehr schön möglich ist. Ist es dann besser, ein optisch ansprechendes Ergebnis anzustreben, wie bei der Castello von Hannes oder sollte man, wie Peter fordert, auf den (untypischen) polierten Kopfrand verzichten? Wovon hängt die Entscheidung in die eine oder andere Richtung ab? Würde es überhaupt jemand, der sich nicht intensiv mit (z.B.) Castello befasst hat, merken dass da ein Stilelement verändert wurde? Ist der unpolierte Kopfrand (oder was auch immer) überhaupt ein markentypisches Stilelement oder nur Ausdruck der Bequemlichkeit beim Herstellungsprozess?

Hierzu würde ich gern Eure Ansichten erfahren.

Mit besten Grüße

Jörg
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(Sergey Aylarov, Pipes & Tobaccos, 2009; 14/3; p. 44)
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon TeBe » 09.03.2017 17:35

Hallo Jörg.

Ich persönlich würde es davon abhängig machen, wie "wertvoll" die Pfeife ist und wie sehr die Veränderung auch den Charakter verändert. Ein einmaliges Stück würde ich versuchen, wieder dem Originalzustand nahe zu bringen.
Ich habe eine alte Vauen-Serienpfeife, deren rotbraune Beize stark abgegriffen war, nur abgeschliffen und mit Carnauba-Wachs behandelt. Als Altagspfeife reicht mir das vollkommen.

Gruß, Thomas
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon DenizBeck » 10.03.2017 12:32

TeBe hat geschrieben:Hallo Jörg.

Ich persönlich würde es davon abhängig machen, wie "wertvoll" die Pfeife ist und wie sehr die Veränderung auch den Charakter verändert. Ein einmaliges Stück würde ich versuchen, wieder dem Originalzustand nahe zu bringen.
Gruß, Thomas



Gut gesagt, genau so sehe ich das auch. Bei Einzelstücken und/oder Pfeifen die auch gebraucht nur schwer zu finden sind, würde ich es persönlich nicht machen. Ob das nun mit Respekt vor dem Erschaffer zu tun hat weiß ich nicht, eher denke ich es hat mit Respekt vor seinen Mit-Pfeifenenthusiasten zu tun! Wenn du eine Pfeife bis zur Unkenntlichkeit bearbeiten willst, kann man (mMn) dafür auch eine günstige Serien-Pfeife mit gleichem/ähnlichem Shape nehmen und das seltene Stücke einem Liebhaber überlassen. :wink:
Zuletzt geändert von DenizBeck am 10.03.2017 18:13, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon FAx » 10.03.2017 14:08

Hi P&T, lieber Jörg,

die Frage ist interessant und läßt sich, wie ich glaube, nicht pauschal für alle Pfeifen beantworten. Um mal das Beispiel der Oldtimer aus der vorangegangenen Diskussion aufzugreifen: wenn jemand einen Serienwagen, der in großer Stückzahl gebaut wurde, in schlechtem Zustand übernimmt und nach eigenem Gusto wieder auf die Straße bringen will, ist da meiner Meinung nach nichts gegen einzuwenden. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, und der Eigentümer soll in Gottes Namen mit seinem Auto machen, was immer er will. Puristen haben ja stets die Möglichkeit, ihrerseits ein gleiches Modell zu erwerben und damit anders zu verfahren. Geht es zum Beispiel um einen Golf II, so gibt es davon so viele, dass das Modell ansich von einzelnen Umbauten unberührt bleibt und jederzeit in seiner ursprünglichen Form zu bekommen ist. Es ist auch hinreichend dokumentiert, wie ein originaler Golf II auszusehen hat usw. Der Kern der Überlegung ist, dass durch einzelne Umbauten, und seien sie noch so weit entfernt vom Originalzustand, dem Modell selbst kein Schaden zugefügt wird. Dies gilt m.E. genauso für Serienpfeifen, die ebenfalls in großen Stückzahlen vorhanden und dokumentiert sind. Wenn also jemand eine Castello XY wieder rauchbar macht, und dabei das shape so verändert, dass die typischen Merkmale verloren gehen, ist das sein gutes Recht. Wer gerne eine originale Castello XY haben möchte, kann sich ja eine kaufen. Vielleicht würde ich mir in solch einem Fall die Freiheit nehmen, den Umbauer darauf aufmerksam zu machen, dass er mit seinen Eingriffen genau das Typische der Pfeife zerstört hat. Dies aber nicht als Vorwurf, sondern im Sinne von: „Ist Dir das aufgefallen? Und, falls es Dir wichtig ist, hättest Du es mit Blick auf die Modelleigenarten besser machen können?“. So hatte ich auch Peters und Chris' Einlassungen bei der Castellodiskussion verstanden.
Eine ganz andere Baustelle tut sich auf, wenn jemand sich eigenmächtig an einem echten Einzelstück vergreift. Wir hatten das hier auf P&T mal mit einer W. Becker, die ein unbedarfter und, wie ich damals fand, echt gedankenloser „Aufarbeiter“ gnadenlos kaputt restauriert hatte. Kaputt bedeutete in diesem Fall, dass er die Pfeife umgebeizt hatte (auch noch rosa-rot), so dass es nicht mehr möglich gewesen wäre, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Wolle Becker ist ein gutes Beispiel dafür, wo man, wie Jörg es weiter oben beschrieb, mit äußerster Sorgfalt versuchen sollte, sich mit allen Reinigungs- und Reparaturarbeiten dem Originalzustand anzunähern. Denn im Fall von wirklichen Einzelstücken ist jede Pfeife, die verhunzt wird, unwiederbringlich verloren. Natürlich gibt es etliche Dutzend Wespen von Wolle (schätze ich mal…). Aber es ist eben keine wie die andere. Jede einzelne hat ihre persönlichen Eigenarten, ist aus einem individuellen Stück Holz entstanden, dessen Maserung, Größe usw. direkten Einfluß auf die Pfeife genommen hat.
Ein noch besseres Beispiel ist für mich Kei Gotoh. Kei ist eher unverdächtig, ein- und dasselbe shape immer wieder mal aufzulegen. Soweit ich sein Schaffen überblicken kann, ist es augenfällig, dass er immer wieder neue Ideen aufgreift, mit denen er sich dann konsequent, über mehrere Pfeifen hinweg, auseinandersetzt. Bis die Idee zuende gedacht ist, oder er keine Lust mehr hat, oder die nächste Idee spannender scheint, oder, oder… Jedenfalls ist im Grunde jede einzelne Pfeife ein Teil einer gestalterischen Entwicklung, die gut abzulesen ist, wenn man einigen seiner Pfeifen aus einer bestimmten Periode beisammen liegen hat. Es würde in diesem Fall also nicht nur eine einzelne, in ihrer Art einmalige Pfeife verloren gehen, sondern mit ihr auch gleich eine nicht mehr zu füllende Lücke in diesen „Entwicklungsstrang“ gerissen werden. Gegen jede Art der Übergriffigkeit gegenüber einer solchen Pfeife würde ich notfalls mit Waffengewalt vorgehen, oder Polizei und Bundeswehr mobilisieren. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man einen Golf II umbaut, oder ob man, z.B., ein Gemälde zerstört, welches nicht bloß als Wandschmuck funktioniert, sondern seinen festen Platz im Gesamtwerk des Malers hat und nur in diesem Zusammenhang wirklich verständlich ist. Da geht’s dann nicht mehr allein um die Frage der Eigentümerschaft. Solche Stücke haben einen kunsthistorischen Wert, auf den in gewissem Maß die Allgemeinheit Anspruch erheben kann. Es wäre zwar legal, aber in keiner Weise legitim, solch ein Stück zu kaufen und dann frohen Mutes zu zerstören.
Bei Einzelstücken muß man sich außerdem noch vor Augen halten, dass es einen florierenden Estatemarkt gibt. Wer also der Versuchung nicht widerstehen kann, an einer Pfeife, die es so nicht noch einmal gibt, unwiderrufliches Unheil anzurichten, sollte wenigstens rücksichtsvoll genug sein, dann auch gleich den Stempel des Machers rauszuschleifen. Alles andere wäre echt übergriffig.

LG, Frank
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon Hans-Jürgen Rieger » 14.03.2017 13:52

Hallo Frank,

FAx hat geschrieben:
Bei Einzelstücken muß man sich außerdem noch vor Augen halten, dass es einen florierenden Estatemarkt gibt. Wer also der Versuchung nicht widerstehen kann, an einer Pfeife, die es so nicht noch einmal gibt, unwiderrufliches Unheil anzurichten, sollte wenigstens rücksichtsvoll genug sein, dann auch gleich den Stempel des Machers rauszuschleifen. Alles andere wäre echt übergriffig.

LG, Frank


gilt dies denn nicht auch für die Castello im vorliegenden Fall? Sicherlich handelt es sich um kein Einzelstück bei der Franco Coppo säckeweise experimentelle Designstudien durchgeführt hat, aber die neue Ausführung hat mit dem ursprünglichen Shape 33 überhaupt nichts mehr zu tun. Konsequenter Weise müssten dann auch die Stempel entfernt und ein neutrales Mundstück angeflanscht werden.
Der guten Rauchbarkeit und dem hierauf bezogenen gelungenen Rettungsversuch, tut dies allerdings keinen Abbruch. Im Sinne von Originalität gilt jedoch, daß das Gegenteil von gut nicht schlecht ist, sondern gut gemeint.

Rauchige Grüsse
Hans-Jürgen

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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon FAx » 14.03.2017 17:30

Hans-Jürgen Rieger hat geschrieben:Hallo Frank,

FAx hat geschrieben:
Bei Einzelstücken muß man sich außerdem noch vor Augen halten, dass es einen florierenden Estatemarkt gibt. Wer also der Versuchung nicht widerstehen kann, an einer Pfeife, die es so nicht noch einmal gibt, unwiderrufliches Unheil anzurichten, sollte wenigstens rücksichtsvoll genug sein, dann auch gleich den Stempel des Machers rauszuschleifen. Alles andere wäre echt übergriffig.

LG, Frank


gilt dies denn nicht auch für die Castello im vorliegenden Fall? (...) die neue Ausführung hat mit dem ursprünglichen Shape 33 überhaupt nichts mehr zu tun...


Hallo Hans-Jürgen,

auf den ersten Blick könnte man meinen, die beiden Fälle wären gleich zu behandeln. Trotzdem finde ich, dass es einen wichtigen Unterschied gibt: jeder, der diese Pfeife (die Castello) kaufen wollen würde, könnte sich vorher genau anschauen, wie sie eigentlich aussehen müßte bzw. ursprünglich ausgesehen hat. Und Franco Coppo, auf diesen Umbau angesprochen, könnte sofort eine echte, unverbaute aus der Schublade ziehen und sagen: "So sah sie mal aus, und das, was da auf dem Tisch liegt, hat so meine Werkstatt nicht verlassen.".

Bei Einzelstücken gibt es solche "Referenzpfeifen" nicht. Taucht also eine verbaute und verbastelte Freehand auf dem Markt auf, ist der Macher, wenn er denn überhaupt davon erfährt, darauf angewiesen, dass der Besitzer der Pfeife ihm einfach Glauben schenkt, wenn er beteuert, dass die ursprünglich mal ganz anders aussah. Zudem stehen zur Rettung des Leumunds sicher mehr Pfeifenraucher bereit, die bezeugen könne, dass die Castello so nicht aussah, als sie die Werkstatt verließ, als dies z.B. bei einer W.Becker der Fall wäre.

LG, Frank
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon phemmer » 14.03.2017 20:10

Hallo Frank, alle zusammen,

ich weiß nicht, ob diese Frage nun pauschal zu beantworten ist oder nicht, auch wenn ich sehr dazu neige, sie pauschal zu beantworten, aber obwohl ich deinen Standpunkt gut verstehe und auch teile, was die Unwiederbringlichkeit gestalterischer Originalität bei verunstalteten Einzelstücken mit Originalstempel angeht (bei der von Dir genannten Wolle Becker war das eine veritable ästhetische Vergewaltigung), so möchte ich den Unterschied dennoch nicht machen, weil es in meinen Augen eine ganz grundsätzliche Frage des Respektes vor einem kreativen Schaffensprozess ist - unabhängig davon, ob das Objekt in einem Exemplar oder in 1000 Exemplaren existiert. Du gibst ja auch nicht einen Dürer-Holzschnitt mit gerissenem Papier einem Kleinkind mit Buntstiften zum Ausmalen nur weil du weisst, dass in 90 graphischen Sammlungen der Welt gut erhaltene Exemplare aufbewahrt werden, die uns jederzeit wissen lassen, wie der Druck im Originalzustand aussieht...?

Und das Ganze ist ja nicht nur eine Frage von Restaurierungen, auch wenn eine den Anstoß zu diesem Thread gab, denn wieviele Pfeifen werden modifiziert? Eine Teddy Knudsen mit Lippenbissmundstück gefällig? Habe ich alles schon gesehen. Und natürlich DARF der Besitzer das mit seiner Pfeife machen, sie gehört ihm ja! Gegen sowas kann man sich nicht wehren. Ich habe mal eine meiner Pfeifen mit einem viel kürzeren Akrylmundstück (linear statt Sattel) gesehen und war fassungslos, weil da jemand überhaupt nicht verstanden hat, worum es geht. Unabhängig vom Material. Aber dagegen kann man sich nicht wehren ausser seine Meinung zu sagen und die Leute darauf hinzuweisen, dass gestaltete Objekte eine ästhetische Identität besitzen, die man im Idealfall respektiert. Und ich finde, das sollte man grundsätzlich tun!

Das Problem ist nun, wenn durch unsachgemäße Behandlung die Pfeife so in Mitleidenschaft gezogen ist, dass eine Restaurierung mit der Bewahrung der Identität kollidiert: dann möge man die Pfeife, wenn man an ihr hängt, retten, aber bitte sich doch auch im Klaren darüber sein, dass man es zwar mit einer wieder funktionierenden Pfeife zu tun hat, die gleichzeitig aber eine ästhetische Ruine darstellt und nicht mehr eine Castello oder Wolle Becker ist oder was auch immer! Eine Castello oder eine Wolle Becker definiert sich durch ihre ästhetische Identität - der Stempel mag helfen. Allein der Stempel ohne die Identität ist wertlos, zumindest für diejenigen, die hinschauen können. Darum plädiere ich für Eingriffe, die so gering wie nötig sind, auch wenn man die Defekte noch sehen kann. Diese sind für mich ehrlicher und auch weniger furchtbar als eine "sauberere" zusätzliche Verunstaltung.

Grüße
Peter
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon FAx » 14.03.2017 22:15

Hi P&T, Peter,

ich teile durchaus Dein Gefühl, man solle gut gestaltete Gegenstände nicht stärker verändern, als es zur Erhaltung derselben notwendig ist.
Ich teile aber überhaupt nicht Deinen Ansatz, nach dem es kein Unterschied sei, ob es sich bei dem Gegenstand um ein Serienprodukt oder um ein Einzelstück handele.
Natürlich ist das ein riesiger Unterschied! Beim Serienstück blutet Dir das Herz, weil ein ehemals schönes Stück ästhetisch verschlechtert wird. Das kann ich
verstehen, aber es ist eine gänzlich subjektive Angelegenheit zwischen Dir, dem Stück und dem Vorgang. Der Leistung und dem Ansehen desjenigen, der es einst gestaltet hat, tut das überhaupt keinen Abbruch (und auch nicht dem Modell, Castello 33 in diesem Fall).
Wenn es aber um ein Einzelstück geht, kommt der Umstand der Unwiederbringlichkeit ins Spiel. Da ist nicht nur das einzelne Stück verloren; die gesamte gestalterische
Leistung, die ja eben nur in diesem einen, einzigen Stück sicht- und erlebbar war, ist für alle Zeiten dahin. Das Eine ist, nach meinem Empfinden, schade; das Andere kann, je nach Fall,
eine Katastrophe sein. Und zwar, und das finde ich besonders wichtig, nicht nur (oder sogar nicht einmal) für den Eigentümer, sondern für alle anderen, die ein irgendwie geartetes Interesse
an diesem einen Stück als Teil eines Gesamtwerks haben / hatten.

Wenn also das Kind einem von 90 verbliebenen Dürerholzschnitten mit seinen Buntstiften zu Leibe rückt, bewegt mich das weniger, als wenn's eine Federzeichnung erwischt hätte.
Fall I: Autsch... Fall II: tiefstes Entsetzen.

Respekt vor einem kreativen Schaffensprozess,wie Du es schriebst, kann man natürlich einfordern, erwarten, oder was auch immer. Nur muß niemand sich das annehmen, und man rudert letztlich mit dieser Forderung im leeren Raum herum. Der Eine sieht's so, der andere sieht's anders - beide mit gutem Recht. Und wenn Du bei der Gelegenheit mal überprüfst, ob ein umbaulädierter Golf Dich ebenso berührt wie eine entweihte Castello, würde mich das Ergebnis ernsthaft interessieren. Denn der Vorgang wäre der Gleiche, nur wär's halt im einen Fall eine Pfeife, im anderen ein Auto.
Ich habe ein bißchen den Verdacht, dass Deine Forderung nach Respekt ein klein wenig auch Deinen ganz persönlichen Vorlieben geschuldet ist? Fahr' mir ruhig über's Maul, wenn's nicht so ist :wink:

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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon getz » 15.03.2017 00:52

Servus P&T,
ich kann hier beide Seiten verstehen. Es hängt, glaube ich ein bißchen von der Beziehung des Eigentümers zum Objekt ab. Dem einen dient das Auto als Fortbewegungsmittel. Wie es aussieht ist ihm egal. Er hat keine Beziehung dazu. Für den anderen ist es ein Kunstobjekt. Für den einen ist die Pfeife ein Rauchgerät, für den anderen (auch) Kunst. Wenn jemand einem Haus, das im Bauhausstil mit geraden Linien gebaut ist, ein Walmdach aufstülpt und statt der Türen Rundbögen einsetzt, weil er es gemütlicher findet, bekommt der Architekt verständlicherweise einen Herzinfarkt, der verständige Betrachter das Kotzen (entschuldigt den Ausdruck), der Eigentümer will sich darin wohlfühlen. Für den schlechten Geschmack kann er nichts. Bei der Castello ist meines Erachtens kein so grober Fehler passiert. Castellos mit glattem Kopfrand gibt es, ich habe 2 davon, eine Old antiquari und eine Sea Rock Briar. Gewölbt sollte er nicht sein. Wie stark es die Proportion verschoben hat, kann ich anhand des Fotos nicht wirklich beurteilen. Aber was hatte er für eine Alternative? Den alten Kolben in der ursprünglichen form zu entsorgen oder als Andenken aufzubewahren. Oder aber zulasten eines Eingriffs in die Form die Benutzbarkeit wieder herzustellen. Eine 33er wäre es sowieso nicht mehr geworden. Wenn man außer Betracht läßt, daß es eine Castello war, ist es - vor allem für ein Erstlingswerk - ein schönes Pfeifchen geworden.
Gruß
Stephan
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon FAx » 15.03.2017 09:13

Hallo Stephan und alle anderen,

zu dem Auto-Beispiel, das ich hier angeführt hatte,möchte ich nochmal was klarmachen: ich meine das nicht in dem Sinne,
dass ein Auto "nur" ein Auto sei. Nicht zufällig hatte ich den Golf II als Beispiel genommen. Ein Golf II im Originalzustand ist
m.E. ein tolles Designstück, genau wie die Audi 80 und 100 aus den 1980er Jahren. Ich hatte also etwas gesucht, was - analog zu
der umgebauten Castello - zwar ein Serienprodukt, aber eben ein gestalterisch gelungenes ist. Wo es also bei beiden weh tut, wenn
die typischen Merkmale mißachtet oder hingemacht werden.
Ausgangspunkt für meine Überlegungen ist Jörgs Eingangsfrage: "Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist 'erlaubt'?"
Natürlich ist juristisch gesehen alles erlaubt, was man straffrei mit seinem Eigentum anstellen darf. So gesehen wäre die Frage schnell
zu beantworten gewesen und der Thread entsprechend kurz geraten. Ich verstehe Jörgs Frage so,dass die Legitimität von Eingriffen
hinterfragt und diskutiert werden soll. Und wenn man da stichfest argumentieren will, ohne sich auf Haltungen wie "Dies oder jenes tut man nicht..."
festzulegen, muß man irgendwo handfeste Kriterien finden. "Gutes Design" ist kein solches. Da kann man drüber reden und sich vielleicht am Ende einigen,
ob es gut ist, oder so lala, mittelmäßig, hervorragend oder mit Schwächen behaftet usw usf. Es gibt den schönen Ausdruck "Erkennbarer gestalterischer Wille",
der zum Beispiel benutzt wird, wenn Geschmacksmusterstreitereien vor Gericht gehen. Das ist aber irgendwie ein Gummiausdruck, und man ist dem Auge und
der Meinung derer ausgeliefert, die dort entscheiden müssen oder dürfen.
Ein hartes Kriterium ist m.E.bei unserer Frage hier jenes der Verfügbarkeit, der Dokumentation und der Reproduzierbarkeit. Nicht legitim finde ich das Verändern von Dingen,
die von allgemeinem Interesse sind, die nur einmal existieren und die auch nicht mehr zu reproduzieren sind.
Mir ist schon klar, dass der Vergleich zwischen einem Auto und einer Pfeife gewaltig hinkt. 100 fabrikneue rote Golfs sind selbst von Experten nicht voneinander zu
unterscheiden, während 100 Dunnhill Bamboos gleichen shapes und gleicher Größe letztlich 100 Einzelstücke sind, die sehr wohl individuelle Unterschiede aufweisen.
So gesehen stehe ich mit meiner Trennung zwischen Serie und Einzelstück auf arg dünnem Eis, wenn es um Pfeifen geht. Man könnte glatt unterstellen,
mir fehle es an Respekt vor Serienpfeifen. Das ist überhaupt nicht so! Ich kann auch Peters und Hans-Jürgens Ansatz nachvollziehen. Ich merke einfach, dass ich hinsichtlich
Umbaumaßnahmen unterschiedlich empfinde, abhängig davon, ob es um eine Serienpfeife oder um ein Einzelstück geht. Bei der Serie: "Schade um das schöne Stück.".
Beim Einzelstück: "Das ist verboten!".

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