Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

vom Pfeifenreiniger bis zur Poliermaschine

Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon Pipendoge » 15.03.2017 09:22

Lieber Frank, lieber Peter, liebe Forianer,


FAx hat geschrieben:....Ich habe ein bißchen den Verdacht, dass Deine Forderung nach Respekt ein klein wenig auch Deinen ganz persönlichen Vorlieben geschuldet ist? Fahr' mir ruhig über's Maul, wenn's nicht so ist :wink:


Ich glaube, dieser Aspekt ist in einer solchen Diskussion nicht von der Hand zu weisen. Wir (Peter, Frank und ich) haben einen gemeinsamen Bekannten, der neben einer gigantischen Zahl schönster und seltenster skandinavischer Freehands auch die größte Sammlung von Castellos besitzt, die ich je gesehen habe. Er hat mir diese Pfeifen mit funkelnden Augen gezeigt und ich musste mich, aus Respekt vor der Freude des Besitzers, schwer bremsen, mich über diese Pfeifen nicht abfällig zu äußern, weil mir praktisch keine davon stilistisch so gefallen hat, dass so ein "must have" - Gefühl im Hinterkopf entstand, eher im Gegenteil. Peter liebt offenbar diese Pfeifen, aus bestimmten Gründen, er kennt die Charakteristika der Marke und merkt sofort, wenn etwas bei der Aufarbeitung "schief" gelaufen ist. Mir wäre das bei den Bildern, die Hannes gezeigt hat, gar nicht aufgefallen, weil ich die Marke nicht gut genug kenne und vor allem, weil sie mich nicht interessiert. Ich fand die Aufarbeitung angesichts des ursprünglichen Zustandes recht gelungen. Hier befinde ich mich in der Situation der Putzfrau, die Joseph Beuys´Fettecke weggeputzt hat. Bei einer Lars, Bo oder Nele wäre mir das vermutlich nicht passiert.

Beste Grüße

Jörg
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon FAx » 15.03.2017 13:55

Hi P&T, Jörg,

ich hatte hinsichtlich Peters vermuteten Vorlieben gar nicht mal an Castello vs andere Hersteller gedacht. Eher hatte ich geargwöhnt, dass er strenger urteilt, wenn es allgemein um Pfeifen geht, als er es tun würde, wenn es z.B. um ein gut gestaltetes Auto oder meinethalben um ein Service von Tapio Wirkkala geht, wo einer sich mit roter Emaillefarbe nachträglich ein Muster draufmalt.
Aber wie gesagt: alles reine Vermutung... :?

LG, Frank
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon phemmer » 15.03.2017 14:17

Hallo Frank, Stephan, Jörg, alle zusammen,

aber natürlich ist das eine generelle Frage, die nicht vor Autos oder Häusern haltmacht. Und ich kann euch versichern, dass mir ein Gropius-Haus mit Jägerzaun davor (gesehen vor 15 Jahren in Dessau) oder ein tiefer gelegter Golf mit Spoilern genauso ein Graus sind wie eine Teddy mit Lippenbissmundstück! Das Problem haben aber nur diejenigen, die es erkennen, da haben Stephan und Jörg vollkommen Recht. Will man daran etwas ändern, dann hilft es nicht so viel, darüber zu diskutieren, ob das Zugrunderichten eines Einzelstücks schwerer wiegt als das Zugrunderichten eines Serienproduktes, sondern man muß versuchen, den Menschen klar zu machen, dass Gestaltetes eine Identität hat, ein Wesen, das ihm eigen ist. Übrigens auch die Modifizierung!

Geht doch einfach mal vor die Tür und schaut euch um: da, wo vor 50 Jahren eine Linde, ein Kirschbaum, ein Apfelbaum und ein paar Hollerbüsche standen, stehen heute eine Blautanne, ein Rollrasen und eine Thujenhecke. Das Bauernhaus aus dem 18.Jahrhundert wurde mit Eternitplatten verkleidet, hat Kunststofffenster und eine Tür aus Metall und Sicherheitsglas. Der tiefer gelegte Golf mit Spoilern parkt davor. Der Bauer, der schon lange keiner mehr ist, arbeitet heute in der Raiffeisenbank, die mit ihrer lächerlichen Großmannssucht-Architektur dem alten Dorfkern den Garaus gemacht hat. Und vermutlich raucht er auch die Teddy mit Lippenbissmundstück, was ihn irgendwann das Leben kostet. Begraben wird er dann auf einem Friedhof ohne Grün, wo chinesische Kieselsteine Betonplatten-gefasste Rechtecke voneinander abgrenzen, darin tiefschwarze Erde und eine Pflanzschale mit Blumen aus dem Baumarkt. Auf der schwarzpolierten Granitplatte, soldatenfriedhofsgleich neben den anderen schwarzen polierten Granitplatten, prangt in goldenen Lettern: Hier ruht in Frieden... Und warum das alles? Weil er sich eigentlich nie Gedanken darüber gemacht hat, dass die Dinge, die ihn umgeben, einen Charakter haben. Einen Charakter, dem pflegeleichte Ordentlichkeit ursprünglich nicht das Wichtigste war, sondern in Jahrhunderten gewachsene Nachhaltigkeit. Eine Pfeife ist da vollkommen unwichtig. Es ist eine Haltungsfrage, wie man zu Dingen steht, ob man eine Wolle Becker abschleift und in Schweinchenrosa neu beizt oder ein altes Bauernhaus mit Eternitplatten verkleidet. Beides hat weder mit Erkenntnis, noch mit Respekt zu tun, sondern mit Gedankenlosigkeit! Dem Kind ist es vollkommen egal, ob es ein Malbuch ausmalt, einen Dürer-Holzschnitt oder eine Dürerzeichnung - will man das ändern, muss man es ihm erklären. Nur zu sagen, die Zeichnung ist noch schlimmer als der Holzschnitt, das ist ja nicht wirklich zielführend, auch wenn es stimmt!

Wenn du, Frank, von Einzelstücken sprichst, dann denkst du natürlich, wie wir vermutlich alle, an Spitzenstücke, an die hingerichtete Wolle Becker, stellst Dir vor, wie ein leidenschaftlicher Liebhaber an eine Gotoh Hand anlegt... Grauen! Was aber ist mit den Einzelstücken von Hänschen Gurkenknecht, der keine stringente Kurve schleifen kann und es auch nicht sieht? Wäre da nicht die Hinrichtung einer klar gestalteten Serienpfeife der größere Verlust? Für mich schon! Für denjenigen, der sich eine Hänschen Gurkenknecht zugelegt hat, natürlich nicht. Ich denke, dass es einfach zielführender ist, den Respekt und die Gedanken grundsätzlich einzufordern, wenn es um Modifikationen geht. Man will doch die Hinrichtungen grundsätzlich vermeiden und nicht nur die der rareren unwiederbringlichen Formen?

Herzliche Grüße
Peter
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon Ch. Demian » 15.03.2017 15:14

Hej Leute,

vielleicht lassen sich die Positionen wie folgt versöhnen: was Peter (m.E. zurecht) einfordert ist der Respekt vor
dem Gestaltungsakt. Die Castello #33 ist einmal vor langer Zeit gestaltet worden und dieses sehr gelungene Design
wird in jedem einzelnen Stück repräsentiert. Macht man eine Castello #33 zu einer anderne Pfeife, so "vergeht" man
sich (drastisch ausgedrückt, aber eigentlich stimmt es), an (1) dem Stück Holz und (2) dem Gestaltungsakt. Ersteres, das
nämliche Vergehen an der einzelnen Pfeife ist ggf. weniger schlimm und unterliegt auch dem Wohlwollen des Besitzers.
In dieser Hinsicht (ad. 1) ist die Restaurierung der Castello so weit in Ordnung. Von diesen Stücken gibt es halt ein paar
mehr usw. usf. Letzteres (ad. 2) - die eigentliche Respektlosigkeit vor dem Gestaltungsakt - ist das was eigentlich
schmerzt. Leider läßt sich beides nicht so einfach - wie so häufig - voneinander trennen. Ich wäre hier für die
sog. behutsame Sanierung - sofern ich mir hier was wünschen darf. Bedenkt man diese Unterscheidung
zwischen Gestaltungsakt und seinem Weiterleben oder Repräsentanz in dem einzelnen Stück und nimmt
es zudem ernst, erklären sich auch einige andere Punkte. Bei Einzelstücken fällt beides zusammen, was ver-
mutlich Franks Intuition erklärt, dass dies irgendwie schlimmer sein müsste. Das stimmt, es ist schlimmer, wie-
wohl die Respektlosigkeit vor dem Gestaltungakt dieselbe ist. Bei einem Einzelstück ist es zufällig halt so, dass
dieser Gestaltungsakt nur in einem Exemplar realisert worden ist und daher ein Verlust im Gesamtkontext ein
schmerzhafterer ist. Bei der angeführten Wolle Becker, scheint es zudem noch ein weiterer Punkt zu sein,
der ins Gewicht fällt, der von der von mir hier angeführten Trennung nicht erfaßt wird. Die Respekt-
losigkeit vor einem Gestaltungsakt ist kein ja/nein-Phänomen. Es ist immer eine graduelle Angelegen-
heit. Es gibt halt kleine Eingriffe, von denen man sagen kann, gut, wenns nicht anders geht, im Ganzen wird
der Geist der Gestaltung dem Stück nicht ausgetrieben. Manche Restaurierung wird sogar, wiewohl nicht mehr
gemäß dem Original, dennoch den Geist so schonen, dass man sagen kann, dies wäre auch eine Variante des Orig-
ginal-Designs gewesen sein können. Das ist zwar schon minimal verfälschend, aber kein Eingriff der Gestaltung
per se mißachtet. Das Graduelle hat es an sich, dass man auch in die Bereiche vordringen kann, die niemand zuvor
gesehen oder für möglich gehalten hat. So ein Enterprise-Ausflug an die Ränder des guten Geschmacks
war die Wolle Becker mit Hello Kitty Effekt. Hieran sieht man eigentlich auch die Nützlichkeit der
Trennung zwischen Gestaltungsakt und Träger von Gestaltung. Würde der Mensch der die Wolle
umgebracht hat, eine Castello auf diese Weise hinnemachen, würde man es ihm ebenfalls nicht ver-
zeihliche Geisteshaltung diagnostizieren und eine Respektlosigkeit vor dem Gestaltungsakt. Aber die
Respektlosigkeit vor dem reinen Produkionssakt der einzelnen Pfeife würde weniger ins Gewicht fallen.
Diese fehlende Achtung vor dem Entstehungsakt wird stets daran gemessen, ob dieser wiederholbar
oder jedenfalls irgendwie "einmalig" ist. Bei Einzelstücken fällt es wie schon gesagt zusammen und
die Respektlosigkeit scheint auch deswegen so dramatisch anders geartet zu sein. Im eigentlichen
Sinne, ist es aber dieselbe Mißachtung des Gestaltungsaktes bei beiden. Bei der Castello, wie bei
der Wolle Becker. Bei der Wolle Becker kommt bloß hinzu, dass die Respektlosigkeit vor dem Schaffens-
akt auch noch ins Gewicht fällt, während bei der Castello dieser Akt eher weniger "wert" ist, weil zig-
fach wiederholt usw. Na ja, zudem sieht die betroffene Castello - außer fürs geschulte Auge - wie
eine Pfeife, wie sie sein soll oder kann, während die Kitty-Wolle, auch für nicht design-affine,
wie - entschuldigung - wundgeleckte Hundeeier aussah.

Die Angelegenheit ist natürlich etwas komplizierter noch (siehe Peters Knöselschnitzer-Beispiel),
denn die gestalterischen Qualitäten sind nie kontextfrei. Sie sind eigentlich immer in vielen
diversen Kontexten aufgehängt - auch in der Design-Historie des einzelnen Shapes, einzelnen
Herstellers (weshalb Jörgs Hinweis auf die Castello-Sammlung, die ihn kalt ließ so illustrativ
ist) usw. Bei einer Gotoh, die man zurechtfeilt vergreift man sich zu allem anderen auch am
Oeuvre und der Design-Geschichte in toto. In stärkerem Maß etwa, als wenn man eine von
ein paar Dutzend ähnlichen oder beinahe gleichen Taos (so schön die auch sind, ins MoMA
werden sie es nicht schaffen) manipulierte. Ähnliches (Groß-Angriff auf Design-Historie)
kann man übrigens auch verüben, beim Hinrichten einer Serienpfeife! Aber das lasse ich
mal als Rätsel zum mitraten erstmal offen :oops:

LG

Chris
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon Roncalli » 15.03.2017 16:31

Sehr geehrte Diskutanten und Forianer,

einige Wortmeldungen kamen für mich einem Benutzungsverbot für einen, wenn auch gelungen formgegebenen, Gegenstand sehr nahe.
Mein Gedankengang dazu: Jemand besitzt etwas, das durch die eigentlich vorgesehene Nutzung verändert werden könnte, oder auch wird. Wie hat sich der/die Besitzer/in zu verhalten? Ich hatte einmal die Gelegenheit den „Rood blauwe Stoel“ von Gerrit Rietveld im Original zu sehen. Eine Stilikone, er war abgewetzt. War er dann noch original? Natürlich! Aber er war nicht mehr im Neuzustand. Hier handelte es sich um einen Gegenstand, dem man die Geschichte ansah. Oft auch als Patina benannt
Allerdings war die Funktionalität noch voll gegeben, da die Konstruktion an sich nicht angetastet war. Die Dimensionen der Einzelteile waren noch immer wie damals in der Tischlerei.
Im Übrigen, man sitzt ausgezeichnet darauf!
So sieht er aus: http://www.rietveldoriginals.com/portfo ... uwe-stoel/


Wie sieht das mit Gegenständen aus, die einer starken physischen Beanspruchung unterliegen?
Ein Auto unterliegt einem technischen Verschleiß sowie durch konstruktive Unzulänglichkeiten einem korrosiven Verschleiß. Kurz, der Kübel rostet weil überlappte Bleche nicht abgedichtet wurden. Das war damals so. Wenn ich nun um die Schwäche weiß, werde ich bei einer allfälligen Restaurierung den Fehler nicht wiederholen, oder eine damals nicht übliche Methode der Abdichtung mit heutigen Materialien anwenden. Auf dass der Rost nicht nach drei Jahren erneut sein Unwesen treibt.
Ausnahme, das Ding kommt ins Museum. Dann geht es auch vielleicht darum den Ist- Zustand zu erhalten. So werden Dichtungen schon einmal mit Nadeln fixiert. Hier geht es auch um Dokumentation vergangener Materialien und Zeiten.
Soll der Wagen aber als Oldtimer seinen ursprünglichen Zweck erfüllen, müssen manchmal eben Kompromisse eingegangen werden. Mein Altblech wird ebenso erhalten wie es technisch nötig und möglich ist. Allerdings habe ich kein Problem an einem Traction Avant die Kreuzgelenkwellen durch Homokineten zu ersetzen. Einfach weil schonender für den Antriebsstrang und auch im Handel zu bekommen.
Der große Doppelwinkel am Kühlergrill bleibt wo er ist und wird von niemand in frage gestellt. Respekt hin oder her. Das Spielzeug soll im Betrieb Spaß machen. Für das Museum sind sie zu schade.
Nochwas zur Erhaltung von Oldtimern. In der Nähe: Kostenvoranschlag für die Restaurierung eines Traction Cabrios im augenblicklichen Zustand: rund um die 100 000 Euro. Dauer zwei bis drei Jahre. Preislich Raum nach oben. Am Markt ein Fahrzeug um 85 000, einsteigen und fahren. Was wird es werden? Ich höre die Antwort demnächst, die Tendenz ist bereits klar.

Persönlich bemühe ich mich, sei es bei unserem Haus und den viel älteren Gebäuden auf unserem Grund, Gutes und Bewährtes zu erhalten, bzw. rückzubauen, so es technisch machbar, zumutbar, ungefährlich und vernünftig ist.
Wenn der Erhalt eines Gebäudes nur durch Neuaufbau möglich ist, hört sich der Spaß auf.


Zur Pfeife:
Sie wird, auch wenn mit Bedacht behandelt, bei der Nutzung einem Veränderungsprozess unterworfen. Desto mehr, je lieber man sie raucht.

Konkret zur Castello:
Der Vorbesitzer hat genau das mit viel Enthusiasmus und wenig Rücksicht aufs Material betrieben.
Ab welchem Zeitpunkt oder Zustand hätte dann der Stempel von der Unterseite herausgeschliffen werden müssen, da die Dimensionen zu stark verändert waren wie weiter oben von Frank gefordert? Gilt diese Forderung für Umformung durch Gebrauch ebenso oder nur wenn mit anderem Werkzeug als Feuer und Glut verändert wurde?

Da ich nicht erwartet hätte eine solche Diskussion loszutreten, habe ich leider verabsäumt den Zustand der Pfeife beim Erhalt genau zu dokumentieren. Was ich hiermit nachhole.
Sie war seit einigen Monaten in einem Gefrierbeutel aufbewahrt. Im Kopf befand sich noch eine halb gerauchte Füllung. Der Geruch war überraschenderweise nicht einmal so schlimm wie befürchtet. Der Kopfrand auf zwei Uhr (wenn man sie am Holm vor sich hält und von oben auf den Kopf blickt) ordentlich abgebrannt. Ca. 1,5-2 mm. Die Rustizierung war vollständig weggebrannt.
Bei weiterer Betrachtung fiel der leicht ovale Kopfrand in Richtung 12 Uhr auf.
Nach dem Tabak und Asche draußen waren, fiel die sehr dicke Kohleschicht auf. Das Zugloch war beinahe zu.
Daheim in der Werkstatt:
Der Seniorreamer war in der größten Einstellung noch immer nicht am Holz. Nach weiterer, mit Vorsicht ausgeführter Arbeit mit verschiedenen Werkzeugen blieb ungefähr in mittlerer Höhe des Kopfes ein Rest von höchstens 3mm an Wandstärke übrig. Das Oval war noch stärker geworden.

Diesen Zustand mit Patina zu bezeichnen wäre nicht zulässig gewesen. In der Oldtimerwelt Zustandsnote 4-5. Schrott. Die Hinrichtung, wie Peter und Chris schreiben, war schon geschehen.
Was nun? Wäre jetzt der Stempel rausschleifen? Diese Erscheinung war sicher nicht vom Hersteller so vorgesehen. Somit keine Castello mehr?
Ursprünglich hatte ich versprochen im Andenken an den Besitzer die Pfeife so weit wie möglich wieder in altem Glanz erstehen zu lassen.
Das war ja leider nicht möglich. Siehe oben.
Die Person der ich das Versprechen gegeben habe wird sich aber an dem Ergebnis freuen. Sie weiß weiter nichts von Pfeifen, außer daß Rauch heraus kommen kann und ihr Bruder dieses Hobby sehr genossen hat.
Was waren die Alternativen:
Lassen wie es war und als Beispiel für ,,So nicht! ‘‘ ausstellen? Wegsperren?
Nach putzen und polieren gerahmt hoch an die Wand nageln damit die Schäden nicht zu sehen sind?
Vernichten, da ja doch misformt und somit nicht mehr erkennbar?
Oder zum Neupreis einen Wiederaufbau in Auftrag geben? Dann sind wir wieder beim Dilemma Stempel weg?
Wenn ich eine gewollt und mir leisten hätte wollen: Neukauf klarer Fall.

Mit besten Grüßen,
Hannes
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon Ch. Demian » 15.03.2017 19:47

Hej Hannes,

einige Deiner Prämissen sind einfach falsch:

Roncalli hat geschrieben:
einige Wortmeldungen kamen für mich einem Benutzungsverbot...

/...snip.../



Aber mitnichten! Außer bei Dingern, wo eine Beschädigung eine kunsthistorische Katastrophe wäre...
Das trifft ja auf keinen der hier diskutierten Gegenstände zu.

Roncalli hat geschrieben:
Sie wird, auch wenn mit Bedacht behandelt, bei der Nutzung einem Veränderungsprozess unterworfen. Desto mehr, je lieber man sie raucht.



Aber mitnichten! Es kommt einzig auf den Nutzer an. Ich kenne Stanwells aus den 50ern, die regelmäßig genutzt werden und
die außer einer schönen Patina, die dem Design nicht abträglich ist, nichts vom Neuzustand unterscheidet. Und die Patina, die
sie haben, hätten sie wahrscheinlich sogar in der Schublade liegend bekommen.

LG

Chris
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon FAx » 15.03.2017 21:18

Boah Leute, ich habe mir gerade, ich weiß nicht wie, einen ellenlangen Text zerschossen. Futsch...

Ich versuch's später nochmal :oops:
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon Roncalli » 16.03.2017 11:22

Servus Frank,

mein Mitgefühl ist dir gewiß, kenn ich sowas doch aus eigener Erfahrung.
Wenn ich jetzt merke das könnte länger werden, schreib ich es gleich in einem Word Dokument und füg es dann ein.

Beste Grüße,
Hannes
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon FAx » 16.03.2017 14:52

Hallo Hannes,

den ***.doc-Trick habe ich auch schon ausbaldowert. Nur denke ich manchmal nicht dran...
Bin aber bei der Arbeit, diesmal auf word :D

LG, Frank
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Re: Aufarbeiten, Umarbeiten - was ist "erlaubt"?

Beitragvon FAx » 16.03.2017 16:51

Hi P&T, Peter, Hannes, Chris und alle anderen,

erstmal an Peter: Du weißt, dass ich weiß, dass Du mit offenen Augen durch die Welt läufst und dass Dir ein verkorkstes Auto oder Haus ebenso auf- und mißfällt wie eine verunglückte Pfeife. Ich hoffe sehr, dass Du mich da nicht mißverstanden hast. Es ging mir vielmehr um das Maß an emotionaler Wucht bei der Reaktion. Ich selbst reagiere mit Herzschmerz auf eine verunstaltete Pfeife, während ich einen Golf mit stilbrüchiger Kotflügelverbreiterung mit einem lachenden „Ach du S*****e“ abtun kann. Das liegt daran, dass Pfeifen mir einfach mehr am Herzen liegen als Autos. So war das gemeint mit dem Unterschied der Reaktionen, abhängig von persönlichen Vorlieben.
Alles, was Du weiter oben schriebst, kann ich aus vollem Herzen unterschreiben. Trotzdem würde ich an einem Auto (ich komme immer wieder darauf...) völlig ungerührt herumschweißen, während ich bei einer Pfeife (auch bei einer guten Serienpfeife) viel mehr Hemmungen hätte. Und das, obwohl ich weiß, dass in beiden Fällen irgendwann irgendjemand an seinem Arbeitsplatz gesessen und sich solange Gedanken über die Gestaltung gemacht hat, bis ein gutes,respektables Ergebnis herauskam. Derselbe Vorgang, aber ein ganz anderes Empfinden, zumindest bei mir.
Aus solchen stark emotional gesteuerten Haltungen irgendwelche Regeln abzuleiten, fällt mir schwer. Das hat schnell was von autoritärer Gutsherrenart, nach dem Motto: „Das tut man nicht!“. Und Jörgs Ausgangsfrage lautet ja nach wie vor: „…was ist erlaubt?“.
Einfach so Respekt einzufordern, ist mir irgendwie zu weinerlich. Sich Gedanken zu machen, ob man etwas Einmaliges (sei es nun atemberaubend oder auch nicht) endgültig demoliert, kann man m.E. auch dem verträumtesten Hansguckindieluft abverlangen. Aber Respekt, eine respektvolle Haltung, muß ja überhaupt erstmal enstehen, durch ein tieferes Verständnis für die Leistung, die hinter einem Gegenstand steckt.

Vielleicht ist ja auch einfach dieser Ausdruck Respekt problematisch. Jemandem geradeheraus oder um die Ecke herum Respektlosigkeit vorzuwerfen, ist im normalen Sprachgebrauch schon ein dickes Pfund. Da kann man sich schnell auf den Schlips getreten fühlen, auch wenn’s eigentlich gar nicht als Angriff gemeint war. Ansich ist damit ja nur sowas wie Beachtung, Wertschätzung, Anerkennung usw. gemeint. In unserer Alltagssprache schwingt beim Begriff der Respektlosigkeit gleich aber auch der Vorwurf der Rüpelei mit.

Wie dem auch sei, und damit @Hannes: was Du da an der Castello fabriziert hast, sieht handwerklich echt proper aus. Glückwunsch dazu, und ich hoffe, sie funktioniert dann auch wieder. Nichts von dem, was zu Deiner Arbeit geschrieben wurde, war irgendwie bös gemeint, da bin ich mir sicher. Eher war Deine Pfeife, wie Du siehst, der Auslöser für eine ganz allgemeine Debatte zum Thema Auf- und Umarbeitung. Und diese Debatte finde ich persönlich sehr spannend. Ich habe einiges geschrieben in diesem Thread; glaube nur nicht, ich wollte irgendwem irgendwas klarmachen. Vielmehr versuche ich lesender- und schreibenderweise mir selber ein bißchen Klarheit über meine Haltung zu diesem Thema zu verschaffen. Und die ist, wie ich feststelle, ziemlich unausgegoren :oops: . Hat wahrscheinlich damit zu tun, dass, wie Peter und Chris weiter oben schon schrieben, die Pfeifenwelt nicht in gute und schlechte Piepen aufgeteilt ist, sondern überall sozusagen fließende Verhältnisse herrschen. Jedenfalls finde ich es gut und wertvoll, wenn solche Rückmeldungen wie die von Peter und Chris zu der Castello überhaupt formuliert und gepostet werden. Es ist ja keinem von uns in die Wiege gelegt worden, die Dinge, die uns umgeben und mit denen wir hantieren, nach der Qualität ihrer Gestaltung zu bewerten und zu beurteilen. Muss man halt lernen (wenn man’s denn will), und da sind solche Beiträge ungemein hilfreich.

@Chris:
Ch. Demian hat geschrieben:Ähnliches (Groß-Angriff auf Design-Historie)
kann man übrigens auch verüben, beim Hinrichten einer Serienpfeife! Aber das lasse ich
mal als Rätsel zum mitraten erstmal offen :oops:


Falls Du hier auf eine sehr schöne, bald hundertjährige GBD Bulldog anspielst: Stimmt!

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