Änderungen in der Mikrostruktur beim Biegen von Mundstücken?

vom Pfeifenreiniger bis zur Poliermaschine

Änderungen in der Mikrostruktur beim Biegen von Mundstücken?

Beitragvon Pipendoge » 12.07.2017 13:10

Liebe Forianer, liebe anwesende Pipenmacher,

in den Sommerferien überarbeite ich gern diejenigen Pfeifen in meiner Sammlung, die ich kaum mehr rauche oder die, die ich noch nicht geraucht habe. Auch diese Pfeifen werden über die Zeit ein wenig matt, vor allem die Ebonitmundstücke können ein wenig anlaufen. Ich bin ziemlich sicher, dass ich sehr gut polieren kann und alle nötige Sorgfalt walten lasse.

Mir ist gestern folgendes aufgefallen: Die quasi unbenutzten Mundstücke, die ich poliert habe, benötigen eigentlich nur eine schonende Politur bei niedriger Drehzahl mit einer Plüschmulle und gelbem Hochglanzwachs. Gestern zeigten aber einige der von mir bevorzugten leicht gebogenen Mundstücke an der konvexen Seite hartnäckigere Verfärbungen als an der konkaven Seite - anders formuliert - obwohl die Mundstücke rundherum gleich stark angelaufen waren, ließen sich die Verfärbungen an der konkaven Seite ganz leicht entfernen während an der konvexen Seite mehr Druck erforderlich war. An meinem Arbeitsplatz ist es sehr hell, neben Leuchtstoffröhren an der Wand habe ich auch Tischlampen mit Leuchtstoffröhren, die minimalste Verfärbungen, die man bei Tageslicht gar nicht bemerken würde, deutlich hervorheben. Nebenbei: Das alles ist Jammern auf hohem Niveau - die Mundstücke sehen prima aus.

Ich habe hin- und her überlegt, woran dieser Effekt liegen kann und bin auf die Idee gekommen, dass beim Biegen des Mundstückes die konvexe Oberseite gedehnt und die konkave Innenseite gestaucht wird. Dadurch könnten Porositäten an der konvexen Seite größer, an der konkaven Seite geringer werden. Gerade Mundstücke - in meinem Fundus eher selten- zeigen diese Erscheinung nicht.

Was haltet Ihr von diesem Erklärungsversuch? Habt Ihr u.U. andere Erklärungen?

Beste Grüße

Jörg
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Re: Änderungen in der Mikrostruktur beim Biegen von Mundstüc

Beitragvon FAx » 12.07.2017 21:17

Lieber Jörg, P&T,

wenn ich Dich richtig verstehe, tritt dieses Phänomen nicht bei allen gebogenen Mundstücken auf?
Mein Gedanke geht in folgende Richtung: stärkere Oxidation durch größere Oberfläche pro Flächeneinheit...
Dies könnte eine Folge von Microrissen sein. Da diese offenbar nicht immer beim Biegen auftreten, würde ich
vermuten, dass ein Zusammenhang mit der Temperatur während des Biegens bestehen könnte? Will sagen: wird das Mundstück
vor dem Biegen nicht hinreichend heiß gemacht, so daß "mit Kraft" gebogen werden muß, könnten solche "Feinstrisse" in
der Oberfläche auftreten; ist die Temperatur hinreichend hoch, bleibt die Rißbildung aus.
Wie gesagt, alles geraten und gemutmaßt, aber einleuchten würde es mir schon.

Lieben Gruß
Frank
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Re: Änderungen in der Mikrostruktur beim Biegen von Mundstüc

Beitragvon Ch. Demian » 13.07.2017 01:28

Hej Jörg, Frank, P&T,

erstmal damit ich richtig verstehe: konvexe Seite (für Gewöhnlich die obere) braucht mehr Druck beim rauspolieren
der oxidierten Schicht. Die konkave (ergo Unterseite) weniger? Und das obwohl alles beidseitig, oder allseitig genau
gleich stark angelaufen zu sein scheint?

Soweit richtig?

Folgende Überlegung: Ich habe auch schon meinen Anteil poliert im Leben und stelle fest, dass im Prinzip immer die Unterseite
der Ms-e weniger oxidiert ist als die Oberseite. Das betrifft die Geraden, wie die Gebogenen gleichermaßen. Dementsprechend
lassen sie sich untenrum leichter in die Schwärze zurückpolieren, als obenrum. Soweit so gut. Merkwürdig ist aber, dass irgend-
wann ein Zustand erreicht ist, wo rundherum anscheindend dieselbe Oxidationsstufe erreicht ist. Aber nur anscheinend, denn
bis dahin ist oben immer stärker oxidiert als unten. Daher meine Vermutung - es sieht oberflächlich so aus, als wäre alles
gleichmäßig oxidiert, aber in Wirklichkeit ist sozusagen oben (und das geht gewiß auf Lichteinfall zurück) schon einiges
mehr passiert. Man sieht es nicht, weil es einen maximalen Zustand des sichtbaren gibt. Aber in Wirklichkeit, gibt es doch
einen Unterschied. Man kann es sehr gut z.B. beim lackieren beobachten. Einmal mit Lack über die Tür gesprüht und fertig
ist der sprichwörtliche Lack. Allerdings ist beim kleinsten Kratzer das Holz wieder zu sehen. Lackiert man mehrfach über, sieht
es im Prinzip nicht anders aus, als beim "sparsamen" lackieren. Aber in Wirklichkeit ist da deutlich mehr da und der Aufwand es
wieder runter zu kriegen entsprechend größer.

LG

Chris

und
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Re: Änderungen in der Mikrostruktur beim Biegen von Mundstüc

Beitragvon FAx » 13.07.2017 06:18

Moin P&T, liebe Polierer,

ich hatte nach dem ersten Lesen von Jörgs Problembeschreibung wohl ein falsches Bild vor Augen: meine Vorstellung
war, dass die hartnäckigen Bereiche auf den höchsten, am stärksten geknickten Stellen der konvexen Seiten liegen
würden. Offenbar hattest Du, Jörg, aber die gesamte Oberseite gemeint?
Wenn das so ist, finde ich Chris' Erklärung (mehr Licht, mehr Schicht...) ziemlich einleuchtend.
Aber mit der größeren Oberfläche durch feinste Risse und dadurch bedingtes tieferes Eindringen des Gilbs bin ich
auch noch nicht ganz fertig. Jörg, habt Ihr nicht irgendwo an der Uni ein Elektronenmikroskop rumstehen, welches Du
Dir mal für private Studien ausleihen kannst?

LG, Frank
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Re: Änderungen in der Mikrostruktur beim Biegen von Mundstüc

Beitragvon Pipendoge » 13.07.2017 14:35

Hi Frank, hi Chris,

FAx hat geschrieben: meine Vorstellung war, dass die hartnäckigen Bereiche auf den höchsten, am stärksten geknickten Stellen der konvexen Seiten liegen
würden.....


genau so ist es. Dass die obere/vordere Seite insgesamt etwas stärker angelaufen ist, als die untere/hintere stimmt schon, aber das gilt auch für gerade Mundstücke und ist vermutlich der Aufstellung der Pipen zum Licht hin geschuldet. Die Pipen, die ich da gestern poliert habe waren 16 Neles (2x gerade) und 4 Faxe (1x gerade), zwei Eltangs (1 x gerade), eine Hiro (gebogen), eine Paolo Becker (gerade)...also nichts, was irgendwie verdächtig wäre aus gepressten Rohlingen abzustammen.

Das Phänomen tritt vermutlich bei allen gebogenen Mundstücken auf, bei denen von gestern allerdings nach der Formel: Je gebogen desto matt!

An der Uni gibt es tatsächlich eine Elektronenmikroskopie, aber zu der Abteilung habe ich gar keine Verbindungen. Zudem müsste das Mundstück mit Platin o.ä. bedampft werden :mrgreen: - Falls aber mal jemand eine Kernspintomografie einer Pipe braucht, da könnte ich schon eher was drehen, vielleicht sogar mit Kontrastmittel :D

Beste Grüße

Jörg
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Re: Änderungen in der Mikrostruktur beim Biegen von Mundstüc

Beitragvon Ch. Demian » 13.07.2017 19:59

Hej Jörg, Frank,

...allerdings nach der Formel: Je gebogen desto matt!


müsste demnach nicht die Stelle mit der fiesesten Biegung nicht just die am "produktivsten" vom Gilb beackerte Stellle sein?
Diese Erfahrung habe ich nicht gemacht. Der Gilb ist eigentlich gleichverteilt über die gesamte Oberseite. So jedenfalls
meine - wie gesagt inzwischen 12 Jährige - Poliererfahrung.

Falls aber mal jemand eine Kernspintomografie einer Pipe braucht...ielleicht sogar mit Kontrastmittel.


Ich steckte vor 3 Jahren mitm Kopf in sowas drinne (und hatte sogar eine Pfeife dabei) und kanns nicht empfehlen. Ich
glaube selbst stabilste Geschöpfe - wozu ich Pfeifen zählen würde - kommen da in Bedrängnis.

Übrigens würde für den Nachweis gilbförderner Porösität ein einfaches Mikroskop ausreichen...

VG

Chris
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Re: Änderungen in der Mikrostruktur beim Biegen von Mundstüc

Beitragvon Pipendoge » 14.07.2017 07:31

Hi Chris,

Ch. Demian hat geschrieben:Ich steckte vor 3 Jahren mitm Kopf in sowas drinne (und hatte sogar eine Pfeife dabei) und kanns nicht empfehlen. Ich
glaube selbst stabilste Geschöpfe - wozu ich Pfeifen zählen würde - kommen da in Bedrängnis.


also ich meinte ein MRT von der Pipe allein, es steht ja nirgendwo geschrieben, dass der Kopf des Besitzers mit gescannt werde muss. Eigentlich solle eine Pfeife ein MRT sogar ohne Hörschutz vertragen, jedenfalls sind Pfeifen nicht als besonders lärmempfindlich bekannt und in einen 600 mm Scanner passen auch Pfeifen von Stult´schen Dimensionen hinein, zumindest ohne Helmut Stult :mrgreen:

Ch. Demian hat geschrieben:Übrigens würde für den Nachweis gilbförderner Porösität ein einfaches Mikroskop ausreichen...


Ich habe noch irgendwo ein Auflichtmikroskop herumstehen und werde das in den Ferien mal reaktivieren, allerdings hat dieses Mikroskop keinen Fototubus.

Beste Grüße

Jörg
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