Wunderraucher und der heilige Hochrain

Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon oldfashioned » 25.01.2017 18:53

Liebe Forumleser,
anno 1968, ich war Sparkassenlehrling und beginnender Pfeifenraucher, wurde ich Ausbildungsbedingt für 3 Monate in die Auslandsabteilung der Sparkasse versetzt. Einer der Fremdsprachenkorrespondenten, Herr S., war Pfeifenraucher und wurde von mir sofort mit Argusaugen beobachtet um herauszufinden, ob er alles so machte, wie von Helmut Hochrain vorgeschrieben, und ob ich alles richtig machte (beim Pfeiferauchen...).
Es war ein 3 Monate dauerndes Schockerlebnis: Herr S. rauchte von 8.00 bis 17.00 Uhr ein und dieselbe Pfeife (eine recht große Vauen Luxus), benutzte nie einen Pfeifenreiniger, dafür aber ein Benzin-Sturmfeuerzeug, dann und wann. Auf Befragen teilte er mit, er rauche "Wellauer`s English Blend" (ich war konsumtechnisch noch im "Clan"-Stadium).
Beim Nachzünden drehte er die Pfeife immer waagerecht nach rechts. Während er auf einer mechanischen Schreibmaschine (wir befanden uns in der bürotechnischen Kreidezeit, eine Lochkarten-gesteuerte EDV wurde in jenem Jahr ganz neu eingeführt...) Auslands-Zahlungsaufträge in Formulare übertrug, nahm er die Pfeife nie aus dem Mund.
In seiner Mittagspause näherte ich mich seinem Schreibtisch und blickte von oben in den Pfeifenkopf. Staubtrocken! Bei mir war es meistens naß. Eine riesige Cake-Beule ragte von links, da wo die Feuerzeugflamme immer anschlug, fast bis zur MItte des Brennraums.
Positiv am Schockerlebnis war, daß es außer mir auch noch andere, und offensichtlich wesentlich gelassenere Pfeifenraucher zu geben schien, und daß man offenbar auch dann in den Pfeifenraucherhimmel kommen konnte, wenn man alles anders machte als es der heilige Hochrain befohlen hatte.
Trotzdem ist das Beispiel natürlich nicht zur Nachahmung empfohlen.....
Schönste Grüße
Paul
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Re: Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon Pilzkopf » 25.01.2017 20:29

Hallo Paul,

das müssen Zeiten gewesen sein...

Mir ist das Buch von Hochrain erst ca. 25 Jahre, nachdem ich angefangen habe, Pfeife zu rauchen, in die Hände gefallen. Meine ersten Pfeifen habe ich heute noch, sie lassen sich alle tadellos rauchen. Ich glaube, mit etwas Fingerspitzengefühl für sein Rauchgerät kann man auch ohne solche Unterweisungen ein durchaus respektabler Pfeifenraucher werden :wink:

Beste Grüße, Jan
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Re: Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon Icke » 25.01.2017 23:16

Guten Abend Paul und Jan!

Man mag es kaum glauben, aber solche "Pfeifengenießer" gibt es auch heute noch.
Ich denke aber, man sollte auch aus der heutigen Sicht versöhnlich auf den ollen Helmut zurück blicken. Vor den Zeiten des Internets war man ja fast schon auf diese Literatur angewiesen, wenn die ersten Gehversuche mit der Pfeife nicht gänzlich in die Hose gehen sollten. Da war Helmut zumindest mal ein Anfang, hatte man keinen alten Hasen, oder guten Fachhändler im Umfeld.
Ich glaube, selbst heute kann man seine Literatur noch mit viel Spaß und zu Weilen auch Amüsement lesen. Glücklicherweise hat sich die Wertschätzung der Pfeife an sich doch sehr durchgesetzt. Der alte Helmut und sicher auch Dein Kollege in der Bank werden sicher staunend und auch etwas neidisch die Pfeifenwelt hier unten beobachten!

Gruß, Ronny!
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Re: Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon Pilzkopf » 25.01.2017 23:42

Icke hat geschrieben:Man mag es kaum glauben, aber solche "Pfeifengenießer" gibt es auch heute noch.


Hallo Ronny,

in der Tat. Mein Nachbar z.B.; bei dem kann man wirklich davon sprechen, daß er seine Pfeifen raucht und nicht Tabak in ihnen.

Icke hat geschrieben:Vor den Zeiten des Internets war man ja fast schon auf diese Literatur angewiesen, wenn die ersten Gehversuche mit der Pfeife nicht gänzlich in die Hose gehen sollten. Da war Helmut zumindest mal ein Anfang, hatte man keinen alten Hasen, oder guten Fachhändler im Umfeld.


Sagen wir mal so: Wenn man weiß, daß eine Pfeife aus Holz ist und damit grundsätzlich brennbar, dann scheint eine gewisse Vorsicht, was die Hitzeentwicklung angeht, in jedem Fall ratsam. Und wenn ich eine Pfeife mit einer bestimmten Bohrungsweite gekauft habe, ist es etwas irritierend, wenn die irgendwann wegen des Cakes nur noch die Hälfte beträgt :)

Beste Grüße, Jan
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Re: Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon Pipendoge » 26.01.2017 08:56

Liebe Forianer,


Icke hat geschrieben:Man mag es kaum glauben, aber solche "Pfeifengenießer" gibt es auch heute noch...


in der Tat, und in manchen Regionen dieser Welt, z.B. in Skandinavien, scheinen sie die Mehrheit der Pfeifenraucher auszumachen und dabei komplett indolent zu sein. Das phänomenale dabei ist, dass diese Menschen wirklich alles zu-caken lassen, was sich irgendwie mit Tabak befüllen lässt, sei es eine einfache Pipe oder eine Bo Nordh. Aber auch Bo Nordh oder Dura Semjaniv (beide seelig) haben in meinem Beisein Pfeifen geraucht, das einem beim Ansehen wirklich der Glaube abhanden gekommen ist. Bo hat da auch kein Geheimnis daraus gemacht und sich selbt als "Pfeifen-Schwein" bezeichnet. Wenn man seine akribische Arbeitsweise als Pfeifenmacher kannte, gab es keinen größeren Kontrast.

Beste Grüße

Jörg
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Re: Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon Icke » 26.01.2017 12:34

Hallo Jörg!
Hat er seine eigenen Pfeifen so zugerichtet, oder die anderer Hersteller :wink:
Im ersten Fall hättest Du ihm ein paar Maiskolbenpfeifen im Tausch mitbringen sollen.

Gruß, Ronny!
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Re: Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon Pipendoge » 26.01.2017 13:10

Hi Ronny,

Icke hat geschrieben:Hat er seine eigenen Pfeifen so zugerichtet,.....


Bo hat nur eigene Pfeifen geraucht, eine davon war legendär und sie ist auch im Buch von Jan Andersson abgebildet. Sie war vom Kopfrand ausgehend ungefähr 2 cm tief eingerissen und wurde praktisch nur noch vom Cake zusammengehalten, die andere war eine Bruyere-Calabash, die auch ziemlich wüst war und dadurch auffiel, dass ein völlig unpassendes Mundstück daran war. Bo sagte, dass er das Mundstück für eine andere Pfeife gemacht habe, es dann aber nicht so passend fand und da die Calabash gerade ein neues Mundstück brauchte, habe er es einfach da dran gemacht, weil er es gerade zur Hand hatte.

Von Dura bekam ich eine Arne Ljung-Pfeife geschenkt, die auf dieser Seite ganz oben abgebildet ist

http://www.pipendoge.de/Aufarbeiten.htm

Im weiteren Verlauf sind noch zwei Jess Chonowitsch-Bamboo und eine Bo Nordh-Bamboo, die Dura selbst geraucht hat im Vorher-Nachher-Vergleich dargestellt. Per Billhäll hatte die Pfeifen aus Duras Nachlass erworben und ich habe sie für Per dann gerichtet.

Beste Grüße

Jörg
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Re: Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon Pipensmöker » 26.01.2017 20:46

Hallo Jörg,

Pipendoge hat geschrieben:Bo hat nur eigene Pfeifen geraucht, eine davon war legendär und sie ist auch im Buch von Jan Andersson abgebildet. Sie war vom Kopfrand ausgehend ungefähr 2 cm tief eingerissen und wurde praktisch nur noch vom Cake zusammengehalten


Meintest Du diese Pfeife hier (die in der Mitte)?:

https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/73 ... d9581f.jpg

Viele Grüße

Durmus
„Wenn ich im Himmel nicht rauchen darf, gehe ich nicht hin.“ (Mark Twain)

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Re: Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon Pipendoge » 28.01.2017 23:02

Genau! Und die anderen sind Nachbauten von Bengt Carlsson.

Beste Grüße Jörg
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Re: Wunderraucher und der heilige Hochrain

Beitragvon piper965 » 29.01.2017 13:27

Hallo,

ich muss dabei unweigerlich an Günter Grass denken, der gern durch total versaute Pfeifen auffiel, aus denen er aber unablässig unbeeindruckt und genüsslich schmauchte.

LG; Oliver
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